Seele

Wir glauben, der Körper zu sein. Doch in Wirklichkeit sind wir die Seele. Sri Chinmoy erklärt, wie wir uns dessen bewusst werden können, wie wir erkennen können, welche Aufgabe unsere Seele hat, und ob die Seele jemals unglücklich sein kann.

 

Fragen

Hat jede Seele eine spezielle Mission?

Sri Chinmoy:
Deine Seele hat eine spezielle Mission. Deine Seele ist sich dessen in höchster Weise bewusst.
Maya, Illusion oder Vergessen, lässt dich glauben, dass du endlich, schwach und hilflos bist. Doch das ist nicht wahr. Du bist nicht der Körper. Du bist nicht die Sinne. Du bist nicht der Verstand. Diese sind alle begrenzt. Du bist die Seele, die unbegrenzt ist. Deine Seele ist unendlich kraftvoll. Deine Seele überwindet Zeit und Raum.
Hat deine Seele eine spezielle Mission? Ja. Deine Mission liegt in den innersten Winkeln deines Herzens, und dort musst du sie finden und erfüllen. Es kann für dich keinen äußeren Weg geben, um deine Mission zu erfüllen. Der Hirsch produziert Moschus in seinem eigenen Körper. Er riecht ihn und ist davon entzückt und versucht seine Quelle zu finden. Er läuft und läuft, aber er kann die Quelle nicht finden. Auf seiner endlosen Suche verliert er all seine Energie und schließlich stirbt er. Aber die Quelle, nach der er so verzweifelt suchte, war in ihm selbst. Wie konnte er sie woanders finden?
Das ist auch bei dir so. Deine spezielle Mission, die die Erfüllung deiner Göttlichkeit ist, liegt nicht außerhalb von dir, sondern in dir. Suche im Innern. Meditiere im Innern. Du wirst deine Mission erkennen.

Kann man die Seele jemals erkennen? Kann man sich der Seele völlig bewusst und mit ihr eins sein?

Sri Chinmoy:
Sicher kann man das. In Wahrheit bist du nichts anderes als die Seele. Es ist deine Seele, welche den natürlichen Zustand des Bewusstseins verkörpert. Aber Zweifel macht es schwierig, die Seele zu erkennen. Zweifel ist der unfruchtbare Kampf des Menschen in der äußeren Welt. Inneres Streben ist das fruchtbare Vertrauen des Suchers in der inneren Welt. Zweifel kämpft und kämpft. Schließlich verfehlt er seinen eigenen Zweck. Inneres Streben fliegt aufwärts zum Höchsten. Am Ende seiner Reise erreicht es sein Ziel. Zweifel basiert auf äußerer Beobachtung. Inneres Streben beruht auf innerer Erfahrung. Zweifel endet in Misserfolg, denn er lebt im endlichen physischen Verstand. Inneres Streben endet in Erfolg, denn es lebt in der ewig emporsteigenden Seele. Ein Leben inneren Strebens ist ein Leben des Friedens. Ein Leben inneren Strebens ist ein Leben der Glückseligkeit. Ein Leben inneren Strebens ist ein Leben göttlicher Erfüllung.

Wie kann man erkennen, welche spezielle Mission man hat?

Sri Chinmoy:
Um zu erkennen, welche spezielle Mission du hast, musst du tief nach innen gehen. Hoffnung und Mut müssen dich auf deiner unermüdlichen Reise begleiten. Hoffnung wird deine innere Göttlichkeit erwecken. Mut wird deine innere Göttlichkeit zum Erblühen bringen. Hoffnung wird dich inspirieren, vom Transzendentalen zu träumen. Mut wird dich inspirieren, das Transzendentale hier auf Erden zu manifestieren.
Um zu fühlen, welche spezielle Mission du hast, musst du ständig schöpferisch sein. Deine Schöpfung ist etwas, zu dem du letztendlich werden wirst. Schließlich wirst du erkennen, dass deine Schöpfung nichts anderes ist als deine Selbst-Enthüllung.
Natürlich gibt es so viele Missionen wie es Seelen gibt. Aber alle Missionen erfüllen sich erst, nachdem die Seelen einen gewissen Grad an Vollkommenheit erlangt haben. Diese Welt ist ein göttliches Spiel. Jeder Teilnehmer trägt zu seinem Erfolg bei. Die Rolle des Dieners ist genauso wichtig wie die Rolle des Herrn. In der Vervollkommnung jedes einzelnen Teiles liegt die gemeinsame Erfüllung. Gleichzeitig wird die individuelle Erfüllung nur dann vollkommen, wenn der Einzelne seine untrennbare Verbindung mit allen Menschen der Welt begründet und sein Einssein mit ihnen verwirklicht hat.
Du bist vom Kopf bis zu den Füßen ein Ganzes. Dennoch wirst du an einem Ort Ohr genannt, an einem anderen Ort Augen. Jeder Teil deines Körpers hat einen eigenen Namen. Es ist schon seltsam, dass der eine nicht die Handlungen des anderen ausführen kann, obwohl alle Teil desselben Körpers sind. Augen sehen, aber sie können nicht hören. Ohren hören, aber sie können nicht sehen. Obwohl er Eines ist, ist der Körper also auch Viele. Ähnlich manifestiert Sich auch Gott, obwohl Er Eines ist, durch viele Formen.
Gott sagt uns, was unsere Mission ist. Aber wir verstehen Gottes Sprache nicht, deshalb muss Er Sein eigener Dolmetscher sein. Wenn uns andere von Gott erzählen, können sie uns niemals umfassend erklären, was Gott ist. Sie stellen es falsch dar und wir verstehen es falsch. Gott spricht in der Stille. Und Er übersetzt Seine Botschaft auch in der Stille. Lasst uns daher Gott in der Stille hören und verstehen.

Bleibt die Seele ein ganzes Leben lang bei einem Menschen oder kann sie ihn zeitweise verlassen und sich sogar anderswo ansiedeln?

Sri Chinmoy:
In der Regel bleibt die Seele das ganze Leben lang bei einem Menschen, aber sie kann den Körper für einige Minuten oder höchstens einige Stunden verlassen, wenn der Mensch schläft. Sie kann den Körper auch für eine kurze Zeit verlassen, wenn der Sucher in tiefer Meditation ist. Dann kann man seinen eigenen Körper sehen. Man kann ihn als einen toten oder dynamischen Körper oder als einen Lichtstrahl sehen, der seine eigene Seele anschaut, oder auf viele andere Weisen. Natürlich sieht man dann den Körper mit dem Auge seiner eigenen Seele.

Geht die Seele während des Schlafs auf Reisen?

Sri Chinmoy:
Ja. Die Seele reist zu verschiedenen Ebenen des Bewusstseins. Es gibt sieben höhere Welten und sieben niedere Welten. Im Allgemeinen reist die Seele während des Schlafs in diese Welten. Fast jede Seele hat das Glück, Zugang zu einigen dieser Welten zu haben, aber nur sehr wenige sind sich dieser Erfahrungen bewusst, während sie stattfinden, oder erinnern sich daran, nachdem sie erwachen.

Wie weiß man, ob die eigene Seele glücklich ist?

Sri Chinmoy:
Zuallererst muss man daran glauben, dass man eine Seele hat. Man muss wissen und fühlen, wo sich die Seele aufhält, wo ihr Sitz im Körper ist. Um die Seele zu kennen und zu fühlen, muss man innerlich streben. Während seines glühenden inneren Strebens, während seiner spirituellen Reise, kann ein Sucher tatsächlich erkennen, ob seine Seele glücklich ist oder nicht. Er wird fühlen, dass seine Seele nur dann glücklich ist, wenn er innerlich und äußerlich Freude spürt, und auch wenn er an Gottes Schöpfung und an Gottes göttlichem Walten nichts zu kritisieren hat.

Kann die Seele in Träumen gleichermaßen durch eine alte Frau, weise und runzlig, als auch durch ein kleines Baby, das eine neue Sprache vor sich hin brabbelt, verkörpert werden?

Sri Chinmoy:
Ja. Die Seele kann in Träumen sowohl durch eine alte Frau als auch durch ein kleines Baby verkörpert werden. Um dem äußeren Wesen eine bestimmte Erfahrung zu vermitteln, kann die Seele in Träumen jede Form annehmen. Die eigene Seele kann mit dem allmählichen Heranwachsen eines Samens zu einem Baum verglichen werden. Das ist es, was wir die Entwicklung der Seele nennen.

Ist die Seele sowohl männlich als auch weiblich?

Sri Chinmoy:
Die Seele selbst ist weder männlich noch weiblich. Aber wenn die Seele ihre Reise beginnt und einen weiblichen Körper wählt, dann wird sie durch all ihre Inkarnationen hindurch einen weiblichen Körper behalten. Wenn sie am Anfang einen männlichen Körper wählt, behält sie in all ihren Inkarnationen einen männlichen Körper. Es ist unmöglich, das Geschlecht zu wechseln. In der ganzen Geschichte der Menschheit hat es hier und da zwar ein paar Ausnahmen gegeben, aber nur sehr selten.

Muss die Seele sich dem kosmischen Selbst ergeben?

Sri Chinmoy:
Ja. Die Seele muss sich dem Selbst ergeben, welches in Indien Paramatman genannt wird – das Unmanifeste. Dieses Selbst nimmt weder eine menschliche Inkarnation an noch geht es in die Schöpfung ein, während die Seele einen menschlichen Körper annimmt und mit ihm Begrenzung, Unvollkommenheit und Unwissenheit. Jeder Mensch hat eine individuelle Seele. Diese individuelle Seele, die einen menschlichen Körper annimmt, ist nicht alldurchdringend, allwissend oder allmächtig. Das Selbst aber ist es. Die Seele in ihrer aufsteigenden Entwicklung kann eines Tages mit dem Selbst verschmelzen und so kraftvoll werden wie das Selbst.

Ist es die Seele, die die Entscheidung trifft, wenn sie einen neuen Körper in einer neuen Inkarnation wählt?

Sri Chinmoy:
Ja. Es ist die Seele, die die Entscheidung bei der Wahl eines Körpers trifft, aber mit der direkten Zustimmung des Supreme oder des Selbst. Die Wahl soll der Seele die Gelegenheit geben, in jeder Inkarnation mehr und mehr von ihrer inneren Göttlichkeit zu manifestieren und den Willen des Göttlichen hier auf Erden zu erfüllen.

Erfährt die Seele Einsamkeit? Wenn ja, wie unterscheidet sich das von dem oberflächlichen Bedürfnis nach der Gesellschaft anderer Menschen, ob wir sie nun mögen oder nicht, einfach weil wir jemanden zum Reden brauchen?

Sri Chinmoy:
Die Seele erfährt Einsamkeit nur dann, wenn der Körper, das Vitale, der Verstand und das Herz, die mit der Seele zusammenarbeiten sollten, um deren göttliche Mission auf Erden zu erfüllen, nicht kooperieren. Aber die Seele verhält sich nicht wie ein Mensch. Sie verschwendet nicht ihre Zeit so wie ein Mensch es tun würde, der glaubt, dass seine Einsamkeit verschwinden wird, einfach indem er mit anderen redet. In ihrer Einsamkeit strebt die Seele höchst intensiv, um von oben Frieden, Licht und Kraft in das Physische, das Vitale und in den Verstand herabzubringen, damit das gesamte Wesen mit der Seele zusammenarbeiten kann, um das Göttliche zu erfüllen. Wenn Frieden, Licht und Kraft in das Physische, das Vitale und den Verstand herabkommen, wird sich der Mensch seines inneren Lebens und wahren Glücklichseins bewusst. Mit Frieden, Licht und Kraft steigt ein höheres Bewusstsein herab. Mit diesem höheren Bewusstsein wird ein Mensch naturgemäß auf das Bedürfnis der Seele reagieren.

Stellt die Seele Forderungen an einen Menschen, damit er sich ändert?

Sri Chinmoy:
Die Seele stellt an sich keine Forderungen. Sie ist nicht wie eine Mutter, die in jedem Augenblick etwas von ihrem Kind verlangt und sagt: „Ich will das nur zu deinem Besten.“ Was die Seele macht, ist, eine göttliche Inspiration zu schicken. Diese Inspiration kann manchmal so intensiv und spontan sein, dass man das Gefühl haben kann, dass es fast ein innerer Zwang ist, den das innere Selbst der äußeren Persönlichkeit auferlegt. Die Seele fordert nicht. Im Gegenteil, sie sympathisiert mit den menschlichen Schwächen und Unvollkommenheiten und versucht, sich selbst mit diesen Schwächen zu identifizieren. Dann versucht sie mit ihrem inneren Licht der Person zu helfen, sich zu ändern.

Wie unterscheidet sich das von den Forderungen des Egos?

Sri Chinmoy:
Wenn das Ego etwas fordert, dann ist es ganz und gar auf sich selbst bezogen – „ich“, „mich“ und „mein“. Das Ego will besitzen und besessen werden. Wenn die Seele etwas haben möchte, dann dient das nicht ihrem persönlichen Vorteil, sondern der Erfüllung des Göttlichen. Das Ego will sich selbst erfüllen, indem es die äußere Persönlichkeit nährt, und das ist schlichtweg unmöglich, da seine Begierden kein Ende haben. Das Ego trifft letzten Endes auf Frustration, während die Seele ihre eigene absolute Erfüllung verwirklicht, indem sie den Göttlichen Willen erfüllt.

Weint die Seele, wenn sie unglücklich ist?

Sri Chinmoy:
Nein. Die wahre Seele, die ein Teil des Kosmischen Selbst ist, ist reine Glückseligkeit. Da sie nicht im menschlichen Sinne unglücklich sein kann, weint sie auch nicht. Es ist das unzufriedene und fordernde Vitale, welches wir oft für die Seele halten, das an Unglücklichsein leidet und jämmerlich weint.

Haben Dinge oder Orte eine Seele? Hat zum Beispiel ein Stuhl eine Seele; hat eine Stadt eine Seele?

Sri Chinmoy:
Jedes Ding und jeder Ort hat eine Seele. Wie jede andere Stadt hat auch New York eine Seele. Der Supreme hat mir freundlicherweise schon einige Male die Seele von New York City gezeigt. Der Unterschied zwischen den Seelen von Dingen und den Seelen von Menschen ist der Grad ihrer Entwicklung und der Grad, in dem sie ihre göttlichen Möglichkeiten manifestieren. Durch den Prozess der Reinkarnation manifestiert die Seele schrittweise ihre verborgenen inneren Kräfte und erreicht schließlich ihre absolute Erfüllung.

Hat die Erde eine Seele?

Sri Chinmoy:
Natürlich. Die Erde verkörpert den Mutteraspekt des Göttlichen. Nur auf der Erde werden Materie und Geist in ihrer gegenseitigen Hilfe und in ihrer vollständigen Vereinigung ihre absolute Erfüllung finden. Die Materie wird durch das Auge der Schau des Geistes sehen. Der Geist wird erblühen, indem er die Materie erweckt und belebt, um sie zu einem vollkommenen Fundament für die physische Unsterblichkeit und die menschliche Transformation auf der Erde werden zu lassen. Die zwei Haupteigenschaften der Seele der Erde sind inneres Streben und mitleidsvolle Toleranz.

Wenn das Vitale oder der Verstand versuchen, ohne die Zustimmung der Seele Befriedigung zu erhalten, was geschieht dann mit der Seele?

Sri Chinmoy:
In solchen Fällen bleibt die Seele gewöhnlich still. Aber manchmal übt der Supreme einen gewissen Druck auf das Vitale oder den Verstand aus, wenn sie zu weit gehen. Er tut dies durch die Seele.

Kann das Grobstoffliche dem Subtilen jemals etwas geben? Mit anderen Worten, kann die Seele durch den richtigen Gebrauch des Körpers, durch Training, richtige Ernährung und so weiter, stärker werden?

Sri Chinmoy:
Sicherlich. Das Grobstoffliche kann und muss dem Subtilen helfen. Der Körper ist grobstofflich, aber in seiner gesunden und vollkommenen Verfassung hilft er dem Geist und der subtilen Existenz beträchtlich. Man kann die Seele natürlich nicht allein dadurch stärker machen, indem man intensiv trainiert oder sich achtsam ernährt. Wenn das Physische jedoch danach strebt, in das Licht der Seele zu wachsen, und versucht, das Göttliche im Physischen selbst zu erfüllen, dann wird der Fortschritt der Seele leichter, schneller und erfüllender.

Kann die Seele auswählen, welche Erfahrungen ein Mensch in der manifestierten Welt machen wird?

Sri Chinmoy:
Normalerweise bestimmt die Seele, welche Erfahrungen ein Mensch in seinem Leben machen wird. Wenn er sich bewusst in den Fluss der Erfahrung wirft, die die Seele ihm geben will, dann wird er schließlich in bleibenden Frieden, bleibende Freude und bleibende Erfüllung hineinwachsen. Leider ist sich der Einzelne, als ein Opfer der Unwissenheit, nicht bewusst, welche Erfahrungen die Seele gewählt hat, beziehungsweise er kümmert sich nicht um die Wahl der Seele, auch wenn er sie kennt.

Wo ungefähr fühlt man im physischen Körper die Seele?

Sri Chinmoy:
Im spirituellen Herzen. Der medizinischen Wissenschaft zufolge liegt das Herz leicht links der Mitte der Brust. Nach Ramana Maharshi, dem großen Heiligen von Arunachala, liegt das spirituelle Herz leicht rechts von der Mitte. Manche spirituelle Persönlichkeiten wiederum sagen, dass das spirituelle Herz in der Mitte der Brust liegt. Einer anderen spirituellen Persönlichkeit zufolge liegt das spirituelle Herz sogar zwischen den Augenbrauen! Natürlich hat sie ihre Gründe für diese Behauptung.
Das wahre spirituelle Herz, welches vier Finger breit ist, liegt zwölf Finger über dem Nabel und sechs Finger unter dem Kehlkopfzentrum. Hier an diesem Ort fühlt man die „Bewegung“ der Seele.

Wenn die menschliche Persönlichkeit der Neuankömmling ist und die Seele der eigentliche Hausherr bzw. der Eigentümer, wie kommt es dann, dass der Neuling, die Seele so ersticken kann, dass ihre Inspiration nicht gehört werden kann?

Sri Chinmoy:
Die Katha Upanishad sagt, dass der Körper der Wagen ist, die Seele der Herr des Wagens, der Intellekt der Wagenlenker und der Verstand die Zügel.
Du bist die Eigentümerin des Gebäudes, in dem wir unser Center haben. Dir gehört das Gebäude. Wir sind deine Mieter. Wir sind alle neu zugezogen. Du versuchst dein Bestes, um unsere Wünsche zu erfüllen. Dennoch machen dir einige Mieter, wenn auch nicht alle, das Leben zur Hölle. Ihre Forderungen sind zeitweise unverschämt und absurd. Dazu sind sie noch kompromisslos. Was machst du dann? Ich glaube, du wirst ziemlich hilflos, wenn nicht gar hoffnungslos werden, obwohl dir das Haus gehört. Es ist nicht leicht, die störenden, fordernden, kompromisslosen Mieter alle auf einmal hinauszuwerfen. Ganz ähnlich ergeht es der Seele, die von dem vergnügungssüchtigen, fordernden und unstrebsamen Neuankömmling, der menschlichen Persönlichkeit, angegriffen wird.

Was bedeutet es, wenn man von jemandem sagt, dass er eine junge oder eine alte Seele hat?

Sri Chinmoy:
Vom spirituellen Standpunkt aus gesehen wird jemand eine alte Seele genannt, wenn er höhere und tiefere Erfahrungen aus früheren Inkarnationen erworben hat. Wenn solche Erfahrungen fehlen, spricht man von einer jungen Seele. Wie du siehst, bestimmt also nicht die Anzahl der Inkarnationen den „Status“ der Seele, sondern das, was jemand in diesen Leben gelernt und erreicht hat.

Geht die Entwicklung bei einer jungen Seele schneller vorwärts, weil sie weniger Überlagerungen aus vorangegangenen Inkarnationen mit sich trägt?

Sri Chinmoy:
Es geht bei einer jungen Seele tatsächlich schneller vorwärts, vorausgesetzt, es handelt sich um einen aufrichtigen, dem spirituellen Leben gewidmeten Sucher, der uneingeschränkt auf seinen spirituellen Führer hört, und vorausgesetzt, dass er nicht durch zu viele weltliche Erfahrungen belastet ist.
Auch hier ist es nicht die Zahl der Inkarnationen, welche die rasche Reise der Seele zu ihrem höchsten Ziel erschweren, sondern die alten unerleuchteten menschlichen Gewohnheiten und Neigungen, die große Hindernisse darstellen, weil sie sich nicht so leicht dem Licht öffnen, um gereinigt und verwandelt zu werden.

Was ist der Unterschied zwischen „Seelenstärke“ und „Charakterstärke“?

Sri Chinmoy:
Charakterstärke ist der Stolz der Moral und der Menschheit. Seelenstärke ist der Stolz der Spiritualität, der Ewigkeit und der Unendlichkeit.
Damit möchte ich allerdings nicht den Eindruck erwecken, dass Moral keinen Wert im inneren Leben habe. Im Gegenteil, eine hohe Moral ist die Vorbereitung für eine tiefe Spiritualität. Zudem ist die Rolle der Moral von großer Bedeutung für wahre Spiritualität.
Seelenstärke ist die innere Kraft oder Gewissheit, die vom Göttlichen in dir kommt. Du hast deine Seele gesehen, du hast Gottes Willen in dir gefühlt, und du hast die Kraft erhalten, Seinen Willen hier auf Erden zu manifestieren.

Könnte eine Seele, die jetzt in einem menschlichen Körper wohnt, früher auch im Körper eines Tieres oder in einer Pflanze gewohnt haben?

Sri Chinmoy:
Ich bin sicher, dass du mit der Evolutionstheorie bestens vertraut bist. Charles Darwin entdeckte in der modernen Welt den Prozess der Entwicklung der Arten, d.h. den Wandel von einer niederen zu einer höheren Entwicklungsstufe. Aber lange vor Darwin und tausend Jahre vor Christi Geburt hatte der große indische Heilige Kapila die Theorie der spirituellen Evolution entdeckt. Seiner einzigartigen Philosophie zufolge entwickelt sich das Ewige, Unwandelbare und Unzerstörbare in jedem Augenblick. „Nichts kam von nichts.“ Diese Wahrheit entdeckte der indische Heilige und bot sie der ganzen Welt an.
Der gesamte Prozess der Evolution auf Erden umfasst sowohl die Seele als auch die körperliche Form. Im Verlauf der Evolution muss jede Seele das pflanzliche Leben und das tierische Leben durchlaufen, um in das menschliche Leben eintreten zu können.

Unterscheiden sich die Seelen in ihren Merkmalen?

Sri Chinmoy:
Im Prinzip gibt es keinen grundlegenden Unterschied zwischen den Seelen, außer was den Grad ihrer Manifestation betrifft. Alle Seelen besitzen dieselben Möglichkeiten, ob sie nun in der niedrigsten oder höchsten Lebensform zu finden sind.
Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der Supreme Sich selbst auf unendlich viele Weisen durch die unterschiedlichen Seelen manifestiert. Sie drücken Seine verschiedenen Aspekte der Göttlichkeit aus. Zum Beispiel kann eine Seele Licht manifestieren, eine andere Kraft, eine dritte Schönheit und so weiter.
Durch die Manifestation der verborgenen Kräfte im Verlaufe der Reinkarnation wurden manche Seelen zu großen spirituellen Meistern. Und alle Seelen werden ihnen letztendlich folgen.

Welche Verbindung hat die Seele zu vergangenem und zukünftigem Karma?

Sri Chinmoy:
Genau genommen kann Karma nicht wirklich verstanden werden, ohne die Seele miteinzubeziehen. Karma existiert für das Wachstum der Seele. Ich bin sicher, du weißt, was das Wort „Karma“ bedeutet. Es ist ein Sanskrit-Wort, das sich von der Wurzel „kri“ ableitet: tun. Was immer wir tun, sagen oder denken, ist Karma. Das Universum wird von einem Gesetz regiert, das wir das Gesetz des Karma nennen. Du hast viel über das Gesetz des Karma gelesen, daher brauche ich es hier nicht näher zu erklären, außer zu erwähnen, dass alle Taten und Gedanken einen Abdruck auf dem kausalen Körper hinterlassen und gewisse Folgen mit sich bringen.
Gleichzeitig aber steht die Seele weit über den Fallstricken von Ursache und Wirkung. Sie ist das Bindeglied zwischen allem, was vorangeht, und allem, was nachfolgt. Sie wird durch alle Erfahrungen bereichert, welche die Persönlichkeit durch das Gesetz des Karma macht.

Wo ruht die Seele zuerst aus, wenn sie den Körper verlässt? Nimmt sie alle ihre körperlichen und irdischen Begrenzungen mit sich?

Sri Chinmoy:
Wenn die Seele den Körper verlässt, verweilt sie zuerst für eine kurze Zeit in der Welt des Vitalen. Einige Seelen leiden dort, andere hingegen nicht. Es ist so, als würde man ein fremdes, neues Land besuchen. Einige haben das Glück, sich frei unter das Volk des neuen Landes mischen zu können und sofort dessen Kultur zu verstehen, während andere dieses Glück nicht haben.
Die Seele nimmt keine irdischen Begrenzungen in die höheren Welten mit. Die Seele oder das psychische Wesen sammelt die Quintessenz aller irdischen Erfahrungen, während sie den Körper verlässt und in ihre eigene Region zurückkehrt. Dort verweilt sie für einige Zeit und kommt dann mit neuer Entschlossenheit und neuen Möglichkeiten wieder in diese Welt zurück, um das Göttliche hier auf Erden zu verwirklichen und zu erfüllen.

Wenn man mit dem Licht der Seele sieht, sieht man dann Hunderte von Leben vor sich?

Sri Chinmoy:
Wenn man mit dem Licht der Seele sieht, kann man die zukünftigen Möglichkeiten seiner gegenwärtigen Inkarnation sehen und bestenfalls noch ein oder zwei zukünftige Inkarnationen, aber keine Hunderte von Leben. Dasselbe gilt auch für vergangene Inkarnationen. Diese flüchtigen Einblicke brauchen nicht in chronologischer Reihenfolge zu stehen. Bei großen spirituellen Meistern wie Sri Krishna und Buddha trifft dieses Prinzip allerdings nicht zu, da sie die fernste Vergangenheit und die weiteste Zukunft im exakten zeitlichen Ablauf überblicken können.

Wenn wir mit dem Licht der Seele sehen, ist das immer von einem Gefühl der Freude begleitet?

Sri Chinmoy:
Ja. Es geschieht immer mit einem Gefühl der inneren Freude, und diese Freude drückt sich oft durch das Vergießen von Tränen aus. Diese Tränen sind der äußere Ausdruck der Wonne der Seele und haben nichts mit menschlicher Sorge, Kummer oder Frustration zu tun. Es ist, wie wenn eine Mutter Tränen vergießt, wenn ihr Sohn aus der Fremde wieder nach Hause kommt. Ihre Tränen sind der Ausdruck ihrer inneren Freude.

Wenn die Seele einen neuen Körper wählt, hat sie dann einen Entwurf für ihre Mission oder entwickelt sich die Mission der Seele während des Lebens eines Menschen, je nach den äußeren Umständen und der Umgebung?

Sri Chinmoy:
Die Seele kommt immer mit einer bestimmten Mission zur Erde herab. Allerdings kann die irdische Umgebung diese Mission unterstützen oder behindern. Es kommt auch vor, dass sich die Seele durchaus freiwillig an ihre Umgebung anpasst. Dann versucht sie, ihre Mission schrittweise mit der vollen Anerkennung und Zusammenarbeit ihrer Umgebung zu erfüllen.

Hat die Seele in einem Leben viele Missionen oder nur eine?

Sri Chinmoy:
Es gibt nur eine Mission, aber viele Ziele. Eine Seele will in einem Leben vielleicht ein Dichter, ein Künstler oder ein Ingenieur werden. Jede Seele mag verschiedene schöpferische Kräfte anstreben, aber dies sind nur Ziele. Sie dürfen nicht mit der Mission der Seele verwechselt werden. Die Mission der Seele ist immer und vor allem anderen: Gott-Verwirklichung; danach kommt die Manifestation der Gott-Verwirklichung auf Erden. Das Ziel hingegen kann entweder bei der Gott-Verwirklichung helfen oder aber diese verzögern, je nachdem, auf welche Weise der Einzelne sich der Wahrheit nähert.
Wenn jemand zum Beispiel ein Schriftsteller ist, ist das schön und gut. Wenn er sich dem Schreiben widmet, ohne durch das Schreiben nach Gott-Verwirklichung zu streben, dann mag er eines Tages zu einem weltberühmten Autor werden, aber er ist dadurch nicht unbedingt seiner Selbst-Entdeckung näher gekommen. Wenn jemand andererseits aber schreibt, um das Göttliche in seinen Werken auszudrücken, wenn der äußere Ausdruck das Ergebnis inneren Strebens und das Schreiben ein gewidmeter Dienst für den Supreme in der Menschheit ist, dann wird der Sucher im Schriftsteller ihn sicher zur Verwirklichung Gottes führen. Um zu deiner Frage zurück zu kommen: Vom Standpunkt der absoluten Wahrheit aus gibt es nur eine Mission, und diese ist nichts anderes als Selbst-Verwirklichung.

Hat das Vitale eine eigene Mission, die verschieden ist von der Mission der Seele, oder steht sie zur Mission der Seele in Beziehung?

Sri Chinmoy:
Das Vitale und der Körper haben keine eigene Mission. Aber wenn sie mit der Mission der Seele zusammenarbeiten, wird diese auch zu ihrer eigenen. Das Vitale hungert nach Ruhm und Ehre, aber das sind nur Ziele. Wenn sich das Vitale mit der Seele identifiziert und bereitwillig die Mission der Seele annimmt, dann wird die Mission der Seele zweifellos auch zur Mission des Vitalen.

Wie erkennt man, ob man der Mission seiner Seele dient oder einfach nur seine Eitelkeit befriedigt?

Sri Chinmoy:
Man kann zwischen beidem nur dann unterscheiden, wenn man handelt, ohne durch Wünsche oder Verlangen motiviert zu sein und ohne vom Ergebnis seines Handelns beeinflusst zu werden. Wenn man sich in diesem Bewusstseinszustand befindet, kann man leicht erkennen, ob man der Mission seiner Seele dient oder einfach nur seine Eitelkeit befriedigt. Arbeit, die dem Selbst gewidmet ist, führt den Sucher zur Erfüllung der Mission seiner Seele. Arbeit, die zur eigenen Befriedigung getan wird, führt den Menschen zum Vergnügen, das schließlich in Selbstzerstörung endet.

Oft ist es so, dass die Seele gewisse Erfahrungen braucht, auch wenn sie momentan nachteilig scheinen. Wie können wir unterscheiden zwischen Erfahrungen, die die Seele braucht, und solchen, die unserem eigenen egoistischen Verlangen entspringen?

Sri Chinmoy:
Die Seele macht keine Erfahrungen, die unnötig sind. Wann immer die Seele eine Erfahrung macht, steht ein göttlicher Zweck dahinter. Aber auf der physischen Ebene vermögen wir oft nicht, diesen göttlichen Zweck zu erkennen. Wir sehen darin nur einen Zwischenfall auf unserer Reise hier auf Erden. Es gibt vieles, was unser physischer Verstand nicht verstehen kann, wenn unsere Seele die Erfahrungen macht. Es ist auch wahr, dass wir durch unsere Eigensinnigkeit unserer Seele einige unwichtige Erfahrungen aufzwingen. Aber was wir „nachteilige Erfahrungen“ nennen, ist für unsere Seele nicht von Nachteil, da in der weiten Schau des Lichts unserer Seele diese Erfahrungen alles Möglichkeiten sind zu wachsen, sich zu entwickeln, eine höhere Wahrheit zu manifestieren oder eine größere Mission auf der Erde zu erfüllen.

Es wird immer wieder davon gesprochen, dass die Welt sich selbst zerstört; dann beginnen die Leute, sich persönlich zu ängstigen. Würde das Ende der physischen Welt, so wie wir sie kennen, eine Bedrohung für die Seele sein?

Sri Chinmoy:
Wenn die physische Welt zerstört würde, wäre das keine Bedrohung für die Seele, da die Seele im Reich der Seele bleiben kann. Aber wenn die Seele das Göttliche in all seinen Aspekten manifestieren möchte, dann muss sie sich in einem menschlichen Körper in der physischen Welt inkarnieren.

Inhalt abgleichen (C01 _th3me_)