
Gottverwirklichung, Selbstverwirklichung
Verwirklichung ist die höchste Form der Selbst-Entdeckung – die Erfahrung einer unmittelbaren Wirklichkeit jenseits aller mentalen Spekulation. Was uns von dieser Wirklichkeit trennt, ist unsere Unwissenheit – avidya. Wie können wir diese Unwissenheit überwinden? Gehen unsere Bemühungen verloren, wenn wir es nicht in diesem Leben gelingt? Haben Mystiker Verwirklichung erlangt?
Fragen
- Was ist Selbst-Verwirklichung?
- Wie weit sind wir von der Verwirklichung entfernt?
- Warum wollen wir Gott verwirklichen?
- Sollten wir das so verstehen, dass der Grad der Selbstverwirklichung, den wir erreichen können, von unserem Einsatz und unserem Willen abhängt, oder ist sie letztlich durch etwas jenseits unseres Willens bestimmt?
- Können wir es eigentlich fühlen, wenn unsere Verwirklichung herannaht, oder erscheint sie plötzlich und unerwartet?
- Wie erkennst du persönlich, ob jemand verwirklicht oder teilweise verwirklicht ist?
- Wie lange würde eine Durchschnittsperson, die einen spirituellen Weg beginnt, benötigen, um Gott zu verwirklichen?
- Gibt es eine Möglichkeit, den Weg zur Verwirklichung zu verkürzen?
- Welches sind die Aspekte Gottes, die Gott-Verwirklichung so schwierig machen?
- Ist es möglich, Gott zu verwirklichen, ohne in einer Höhle zu leben?
- Welcher Teil des Menschen erlangt Verwirklichung?
- Ich habe gelesen, dass Verwirklichung nicht eine Errungenschaft, sondern eine Entdeckung ist.
- Stellt die Technik ein Hindernis bei der Gott-Verwirklichung dar?
- Wenn ein Sucher einmal fortgeschritten ist, verschwinden dann alle Hindernisse auf dem Weg zur Gott-Verwirklichung und wird seine Verwirklichung dann eine Gewissheit für diese Inkarnation?
- Ist es möglich, in einer Inkarnation die Weisheit und umfassende Erkenntnis Gottes zu erlangen?
- Wenn ein Sucher in diesem Leben Gott nicht verwirklicht, heißt das, dass all seine Mühe vergeblich war?
- Glaubst du, dass ein Mensch Gott verwirklichen und mit Ihm auf dieser materiellen Ebene eins werden kann, die so unwissend und dunkel ist?
- Woher weißt du, dass es so etwas wie Verwirklichung gibt, und woran erkennt man, dass man verwirklicht ist?
- Wenn ein Mensch den Zustand erreicht, wo er Vereinigung mit Gott erlangt, wird dann seine Emotion oder sein Gefühl inneren Strebens so intensiv, dass er es automatisch in Worten zum Ausdruck bringt?
- Selbst dann nicht, wenn es Worte des Lobpreises und des Einsseins mit Gott sind?
- Verhält sich ein Mensch, nachdem er Gott verwirklicht hat, immer noch wie ein normales Wesen?
- Einmal hast du gesagt, dass die spirituelle Manifestation automatisch kommt, wenn ein Sucher die höchste Verwirklichung erlangt. Würdest du mir bitte erklären, was du mit dieser Art von Manifestation meinst?
- Was ist der Unterschied zwischen Enthüllung und Manifestation?
- Was ist der Unterschied zwischen einer mystischen Erfahrung und Gott-Verwirklichung?
Was ist Selbst-Verwirklichung?
Sri Chinmoy:
Selbst-Verwirklichung bedeutet Selbst-Entdeckung im höchsten Sinne des Wortes. Man verwirklicht bewusst sein Einssein mit Gott. Du hast in Büchern gelesen und andere haben dir erzählt, dass Gott in jedem Menschen ist. Aber du hast Gott in deinem bewussten Leben nicht verwirklicht. Wenn man sein Selbst verwirklicht hat, dann weiß man bewusst, was Gott ist, wie Er aussieht, was Er will. Diejenigen, die Gott nicht verwirklicht haben, werden sagen: „Gott ist vielleicht so, Gott ist vielleicht auch anders“, doch das ist reine mentale Spekulation. Aber wenn jemand Selbst-Verwirklichung erlangt, dann bleibt er in Gottes Bewusstsein und spricht mit Gott von Angesicht zu Angesicht. Er sieht Gott sowohl im Endlichen als auch im Unendlichen; er sieht Gott in persönlicher als auch unpersönlicher Form. In diesem Fall ist es keine mentale Halluzination oder Einbildung, sondern unmittelbare Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist authentischer als dich hier vor meinen Augen zu sehen.
Wie weit sind wir von der Verwirklichung entfernt?
Sri Chinmoy:
Avidyaya mrityum tirtha vidyaya amritam snute – „Durch Unwissenheit gehen wir durch den Tod; durch Erkenntnis erreichen wir Unsterblichkeit.“ Dies ist in der Tat eine bedeutende Verwirklichung.
Verwirklichung bedeutet die Offenbarung Gottes in einem menschlichen Körper. Verwirklichung bedeutet, dass der Mensch selbst Gott ist.
Leider ist der Mensch nicht allein. Er hat Wünsche, und Wünsche haben gewaltige Kraft. Dennoch gelingt es ihnen nicht, ihm anhaltende Freude und Frieden zu schenken. Wünsche sind begrenzt. Wünsche sind blind. Sie versuchen den Menschen zu binden, dessen Geburtsrecht es ist, grenzenlos zu sein. Gottes Gnade, die durch den Menschen für die vollständige Manifestation Gottes wirkt, ist unendlich.
Verwirklichung entspringt der Selbst-Meisterung. Sie wächst in ihrem Einssein mit Gott. Sie erfüllt sich selbst, indem sie das Endliche und das Unendliche umarmt. Wir sind Sucher des Supreme. Wir brauchen absolute Verwirklichung. Mit einer kleinen Verwirklichung können wir höchstens wie eine Katze handeln. Mit absoluter Verwirklichung werden wir in der Lage sein, wie ein brüllender Löwe der Unwissenheit zu drohen.
In dem Moment, wo ich „mein Körper“ sage, trenne ich mich selbst vom Körper. Dieser Körper durchläuft Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter. Das bin nicht wirklich ich. Das wirkliche „Ich“ bleibt immer unwandelbar. Wenn ich sage, dass ich zu- oder abgenommen habe, spreche ich vom Körper, der zu- oder abgenommen hat, und nicht vom inneren „Ich“, welches ewig und unsterblich ist.
Verwirklichung sagt, dass es so etwas wie Gebundensein und Freiheit, auf die wir uns im Alltag so oft beziehen, nicht gibt. Was in Wahrheit existiert ist Bewusstsein – Bewusstsein auf verschiedenen Ebenen, Bewusstsein, das sich seiner verschiedenen Manifestationsformen erfreut. Solange wir glauben, in der Knechtschaft der Unwissenheit zu leben, steht es uns frei zu fühlen, dass wir auch in Freiheit leben können, wenn wir das wollen. Wenn Gebundensein uns das Gefühl gibt, dass die Welt ein Jammertal ist, dann kann uns Freiheit zweifellos das Gefühl geben, dass die Welt nichts anderes als das glückselige Bewusstsein Brahmans ist. Verwirklichung jedoch lässt uns fühlen: Sarvam khalvidam Brahma – „Alles, was Ausdehnung hat, ist Brahman.“
Um zu erkennen, was Verwirklichung ist, müssen wir zuerst unser inneres Selbst lieben. Der zweite Schritt ist, die Verwirklichung selbst zu lieben. Das ist die Liebe, welche die Seele erweckt. Das ist die Liebe, welche unser Bewusstsein erleuchtet. Liebe, und du wirst geliebt werden. Verwirkliche, und du wirst erfüllt sein.
Verwirklichung ist unsere innere Lampe. Wenn wir diese Lampe brennen lassen, wird sie in der ganzen Welt ihr strahlendes Licht verbreiten. Wir alle haben ohne Ausnahme die Fähigkeit zur Selbst-Verwirklichung oder anders ausgedrückt, zur Gott-Verwirklichung. Diese Wahrheit zu leugnen, bedeutet sich selbst erbarmungslos zu täuschen.
Wir verwirklichen die Wahrheit nicht nur, wenn Freude unser Gemüt erfüllt, sondern auch wenn Kummer unser Herz verdunkelt, wenn der Tod uns an seine düstere Brust zieht, wenn Unsterblichkeit unser Dasein in den Schoß der Verwandlung legt.
Wie weit sind wir von der Verwirklichung entfernt? Wir können die Antwort daran ermessen, wie weit wir uns Gottes Willen hingegeben haben. Es gibt keinen anderen Weg, es zu erkennen. Wir sollten außerdem wissen, dass jeder neue Tag mit einer neuen Verwirklichung erwacht. Das Leben ist eine beständige Verwirklichung für denjenigen, dessen inneres Auge geöffnet ist.
Warum wollen wir Gott verwirklichen?
Sri Chinmoy:
Wir wollen Gott verwirklichen, weil wir uns bewusst zu Kanälen gemacht haben, durch welche die Früchte der Gottverwirklichung fließen können. Unser Körper ist eine göttliche Maschine, daher muss er geölt werden. Verwirklichung ist ein göttliches Schmiermittel, das höchst effektiv wirkt.
Verwirklichung kann durch Gottes Gnade, die Gnade des Gurus und das innere Streben des Suchers erreicht werden. Die Gnade des Supreme ist der Regen. Die Gnade des Gurus ist der Samen. Das innere Streben des Suchers ist das Bestellen des Feldes. Siehe da, die reiche Ernte ist Verwirklichung!
Sollten wir das so verstehen, dass der Grad der Selbstverwirklichung, den wir erreichen können, von unserem Einsatz und unserem Willen abhängt, oder ist sie letztlich durch etwas jenseits unseres Willens bestimmt?
Sri Chinmoy:
Zwei Dinge gehen Hand in Hand – individuelle Anstrengung und göttliche Gnade. Wenn ich die ganze Zeit über nur schlafe, wird mich Gott nicht befreien, aber gleichzeitig ist es auch Torheit zu glauben, dass ich durch meinen persönlichen Willen und unter Einsatz all meiner Kraft auf Biegen und Brechen Gott verwirklichen kann. Gott befindet sich im dritten Stock und ich befinde mich im ersten Stock. Es sollte eine Begegnung, einen Treffpunkt geben. Ich muss zu Gott gehen; ich muss durch persönliche Anstrengung, das heißt durch meine Tränen, durch mein seelenvolles, intensives inneres Sehnen, den zweiten Stock erreichen. Dann wird Gott mit Seiner unendlichen Gnade und Seinem unendlichen Mitleid vom dritten in den zweiten Stock herab kommen, und dort werden wir uns treffen. Er muss mir geben, was Er hat - Sein Mitleid, Seine Flut von Mitleid – und ich muss Ihm meine geringe persönliche Anstrengung und meine Tränen geben, die Flut meiner Tränen.
Eine spirituelle Meisterin wurde einmal von ihren Schülern gefragt, wie viel persönliche Anstrengung sie unternommen hatte, um Gott zu verwirklichen. Sie sagte, bevor sie Gott verwirklicht hatte, dachte sie, dass ihr persönlicher Einsatz 99% betrug und Gottes Gnade nur 1%. Sie arbeitete so hart, um Gott zu verwirklichen. Doch als sie Gott verwirklichte, stellte sie fest, dass gerade das Gegenteil der Fall war – dass sie neunundneunzig Prozent der Gnade verdankte und nur ein Prozent ihrer eigenen Bemühung. Dabei blieb es aber nicht. Sie sagte weiter: „Meine Kinder, auch dieses eine Prozent war Gottes Gnade. Es war die göttliche Gnade, die ich erhielt und andere nicht. Diese Gnade Gottes erlaubte mir, diese unbedeutende persönliche Anstrengung zu machen.“
Können wir es eigentlich fühlen, wenn unsere Verwirklichung herannaht, oder erscheint sie plötzlich und unerwartet?
Sri Chinmoy:
Wahre Verwirklichung kann nicht unerwartet erscheinen. Langsam und allmählich gelangen wir an den Punkt, wo wir Gott verwirklichen. Wenn jemand an der Schwelle zur Verwirklichung steht, wird er wissen, dass es sich nur noch um Tage oder Monate oder Jahre handelt. Verwirklichung bedeutet vollständiges, bewusstes Einssein mit Gott. Wenn jemand nicht einmal begrenztes bewusstes Einssein mit Gott hat, wie kann er da auf einmal unbegrenztes bewusstes Einssein mit Gott erlangen? Es ist wahr, dass Gott alles tun kann, dass Er Verwirklichung gewähren kann, ohne etwas vom Sucher zu verlangen. Aber wenn Gott dir Verwirklichung geben würde, ohne dass du meditierst und ein spirituelles Leben führst, dann würde es jeder erwarten.
Manche Menschen erhalten die Verwirklichung nach lediglich vier oder fünf Jahren der Meditation, während andere, die dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre meditiert haben, noch weit davon entfernt sind. Aber du solltest dir bewusst sein, dass der Mensch, der nach nur vier oder fünf Jahren der Meditation Gott verwirklicht, nicht seine erste Inkarnation als Sucher hat. Er hat seine bewusste Reise vielleicht vor langer Zeit begonnen, als du noch nicht einmal an Gott gedacht hast. Jetzt vollendet er seine Reise zur Gott-Verwirklichung, während du gerade erst damit beginnst. Andererseits sollten wir uns bewusst sein, selbst wenn wir in der Vergangenheit schon viele Inkarnationen lang meditiert haben und in der jetzigen Inkarnation einige Jahre meditieren, bedeutet das nicht, dass wir Gott verdient haben. Es war Gottes Gnade, die in unseren früheren Inkarnationen gewirkt hat, und es ist Gottes Gnade, die uns auch in dieser Inkarnation hilft, Ihn zu verwirklichen.
Von deiner beständigen, lebenslangen Meditation kannst du Gott-Verwirklichung erwarten, aber erst zu Gottes auserwählter Stunde. Du magst sie sofort haben wollen, aber Gott sieht vielleicht, dass du der Menschheit mehr schaden als nützen würdest, wenn du Ihn jetzt verwirklichst. Gott hat daher Seine eigene Stunde für deine Verwirklichung, und wenn diese Stunde herannaht, wirst du es wissen.
Wie erkennst du persönlich, ob jemand verwirklicht oder teilweise verwirklicht ist?
Sri Chinmoy:
Wenn jemand verwirklicht ist, kann er leicht die Verwirklichung anderer erkennen. Aufgrund meines Einsseins und meiner Identifikation mit ihrem Bewusstsein kann ich leicht etwas über die Verwirklichung anderer sagen.
Wie lange würde eine Durchschnittsperson, die einen spirituellen Weg beginnt, benötigen, um Gott zu verwirklichen?
Sri Chinmoy:
Es hängt ganz von der Aufrichtigkeit und der Ernsthaftigkeit des Schüler-Suchers ab. Seine Meditation muss höchst aufrichtig, ergeben und erfüllend sein. Wenn jemand acht oder zwölf Stunden täglich höchst ergeben und seelenvoll meditieren kann, dann besteht jede Möglichkeit, dass dieser Sucher in der kurzen Spanne eines Lebens Gott verwirklichen kann. Aber wenn jemand, sagen wir, nur fünf Minuten am Tag meditiert, selbst wenn es höchst seelenvoll ist, dann wird es für diese Person kaum möglich sein, Gott in einem Leben zu verwirklichen. Es ist jedoch besser, wenigstens eine Minute höchst aufrichtig und ergeben zu meditieren als zehn Stunden lang ohne Aufrichtigkeit.
Andererseits gibt es keine feste Regel. Doch es gibt Gottes Gnade. Wenn du einen spirituellen Meister höchsten Ranges bekommst, brauchst du keine zwölf oder sechzehn Stunden am Tag zu meditieren. Nein, du meditierst eine oder zwei Stunden täglich höchst ergeben, und mit der Gnade des Meisters kannst du denselben Fortschritt machen, den du machen würdest, wenn du zwölf oder sechzehn Stunden ohne Meister meditierst.
Gibt es eine Möglichkeit, den Weg zur Verwirklichung zu verkürzen?
Sri Chinmoy:
Es gibt zwei Wege. Der eine ist der Weg des Verstandes; der andere ist der Weg des Herzens. Der Weg des Herzens ist eine Abkürzung. Wenn wir den Weg des Verstandes entlang gehen, werden wir sehr oft zweifeln. Wie werden unser eigenes Streben anzweifeln, wir werden unsere eigenen Erfahrungen anzweifeln und wir werden unser Gefühl für Gott anzweifeln. In diesem Moment lieben wir Gott, im nächsten Moment lieben wir Gott nicht, weil Gott unsere Wünsche nicht erfüllt hat. Auf dem Weg des Verstandes widersprechen wir ständig unseren eigenen Gedanken. In diesem Moment sagen wir, dass der Weg sehr gut ist, und wir machen Fortschritt, im nächsten Moment, wenn unsere Wünsche nicht erfüllt werden und Zweifel uns befällt, kommt unser Fortschritt zum Stillstand.
Der andere Weg ist der Weg des Herzens. Sobald wir Gott lieben, springen wir in das Meer von Frieden, Licht und Glückseligkeit. Wie ein Tropfen, der in den mächtigen Ozean fällt, fühlen wir, dass wir zum Ozean selbst geworden sind. Wenn wir den Verstand benutzen, denken wir sofort: „In einem solch unermesslichen Ozean werde ich ausgelöscht werden.“ Aber das Herz wird sagen: „Nein, ich werde springen. Wenn ich springe, werde ich nicht verloren sein. Ich werde nur zum Unendlichen werden.“ Das Herz ist ein Kind, und ein Kind hat immer Vertrauen zu seinen Eltern. Wenn wir also einen Meister haben, werden wir an ihn glauben, und wir werden auch an Gott glauben, denn Gott wird immer das tun, was das Beste für uns ist. Das fühlen wir, wenn wir dem Pfad des Herzens folgen. Der Pfad des Herzens ist der kürzeste Pfad.
Welches sind die Aspekte Gottes, die Gott-Verwirklichung so schwierig machen?
Sri Chinmoy:
Gott hat zwei Aspekte – den persönlichen und den unpersönlichen Aspekt. Wenn du Gott nicht in Seinem persönlichen Aspekt annimmst, dann wird Gott-Verwirklichung äußerst schwierig sein. Wenn wir Gott in Seinem unpersönlichen Aspekt sehen, als eine unendliche Ausdehnung von Frieden und Licht, wird es außerordentlich schwierig sein, diesen Aspekt zu verwirklichen. Wenn wir aber den persönlichen Aspekt sehen, wird es sehr leicht, in den unpersönlichen Aspekt einzutreten. Wenn du eine Person nicht kennst und nur ihren Namen hörst, wird es dir schwer fallen, eine klare oder enge innere Beziehung zu ihr aufzubauen.
Ist es möglich, Gott zu verwirklichen, ohne in einer Höhle zu leben?
Sri Chinmoy:
Nicht alle spirituellen Meister haben sich in die Höhlen des Himalaya zurückgezogen, um Gott zu verwirklichen. Ich habe Gott nicht in einer Höhle des Himalaya verwirklicht. Die meisten spirituellen Meister, wie Sri Ramakrishna, Buddha, Sri Aurobindo und andere, meditierten nicht in den Höhlen des Himalaya.
Es gab eine Zeit, wo es für die Leute notwendig war, sich von der Welt zurückzuziehen, aber jetzt ist es keineswegs mehr notwendig. Wenn du dich der Welt nicht stellst, wird dich die Welt verfolgen und dich jagen wie einen Dieb. Aber warum sollten wir uns vor der Welt fürchten? Wenn du standhaft bist und die Welt annimmst, dann wird die Welt vor dir den Hut ziehen und sagen: „Er ist stark.“ Wenn du vor der Welt Angst hast, wird dich die Welt wie ein Löwe verschlingen. Hast du aber die Fähigkeit, wie ein göttlicher Held zu handeln und dich der Welt zu stellen, dann werden Gottes Mitleid, Gottes Licht und Gottes Kraft auf dich herab strömen.
Spiritualität ist für die Mutigen. Gott-Verwirklichung ist für die Mutigen; sie ist nichts für Schwache. In fast allen indischen Schriften wird übereinstimmend gesagt: „Die Seele kann nicht von einem Schwächling gewonnen werden.“ Nur diejenigen, die Stärke besitzen, werden vorwärts marschieren und das Ziel erblicken.
Welcher Teil des Menschen erlangt Verwirklichung?
Sri Chinmoy:
Wenn die Verwirklichung stattfindet, so ist es das ganze Wesen, welches Gott verwirklicht. Die Seele hat Gott schon verwirklicht, doch die Seele bringt dann ihr verwirklichtes Bewusstsein zum Vorschein. Sie tritt in das Herz ein und versucht das Herz mit ihrem göttlichen Bewusstsein zu durchdringen. Vom Herzen aus geht die Verwirklichung dann zum Verstand, vom Verstand zum Vitalen und vom Vitalen zum physischen Körper. Wenn sie das Physische, das Vitale, das Mentale und das Psychische umfasst, ist die Verwirklichung vollständig.
Wahre Verwirklichung lässt uns erkennen, dass wir weder der Körper noch der Verstand noch etwas anderes sind, sondern die Seele, welche eine Manifestation des Göttlichen ist. Wenn er Gott verwirklicht, wird jeder Mensch fühlen, dass er ein bewusster Teil Gottes ist. Das Physische ist begrenzt, doch die Seele ist unbegrenzt. Wenn wir von Verwirklichung sprechen, beziehen wir uns auf etwas Unbegrenztes, Unendliches. Wenn wir Gott verwirklichen, gehen wir über das Körperbewusstsein hinaus und werden eins mit der unbegrenzten Fähigkeit der Seele.
Ich habe gelesen, dass Verwirklichung nicht eine Errungenschaft, sondern eine Entdeckung ist.
Sri Chinmoy:
Ja, Verwirklichung ist zwar keine Errungenschaft, sondern eine Entdeckung; aber wenn wir etwas entdecken, wird es zu unserer Errungenschaft. In dem Moment, wo wir etwas entdecken, wird es zu einem festen Bestandteil unseres Daseins, und was immer fester Bestandteil unseres Daseins wird, wird unsere Errungenschaft. In der Entdeckung selbst liegt die Errungenschaft. Wenn ein Wissenschaftler etwas entdeckt, wird es zum Eigentum der ganzen Welt, aber es ist dennoch seine Errungenschaft. Genauso ist es, wenn man Gott verwirklicht. Obwohl Gott schon immer da war und sowohl der inneren als auch zur äußeren Welt gehört, ist Gott-Verwirklichung die bedeutendste Errungenschaft für jeden einzelnen Menschen.
Wahrheit und Göttlichkeit existieren bereits in uns, aber wir ignorieren sie. Da wir sie nicht nutzen, sind sie uns fremd geworden. In dem Moment jedoch, wo wir sie in uns entdecken, werden sie zu unserer eigenen Errungenschaft. Sie werden zu unserer Errungenschaft durch unsere aufrichtige persönliche Bemühung und Gottes ständige innere Gnade.
Stellt die Technik ein Hindernis bei der Gott-Verwirklichung dar?
Sri Chinmoy:
Die Antwort ist sowohl Ja als auch Nein. Wenn die moderne Technik dem Ausdruck der inneren Seele dient, wenn sie fühlt, dass sie eine Verbindung mit dem inneren Leben, mit der inneren Existenz hat, dann ist die Technik eine Hilfe bei der Gott-Verwirklichung. Aber sehr oft stellen wir fest, dass die Technik und das innere Leben nicht zusammen finden. Die äußere Welt läuft mit ihrem Erfolg einem anderen Ziel entgegen. Wir müssen dabei sehr achtsam sein, denn egal wie viel Erfolg wir durch die Technik erzielen, grenzenlose Erfüllung kann nicht erreicht werden, wenn die Seele dabei fehlt. Auf der anderen Seite ist die Seele gelähmt, wenn das äußere Leben ohne technischen und wissenschaftlichen Fortschritt nicht mit ihr Schritt hält.
Für die absolute Erfüllung von Gottes Vision und Wirklichkeit hier auf Erden müssen Wissenschaft und Spiritualität Hand in Hand gehen. Von der Spiritualität können wir Befreiung und Verwirklichung erwarten. Von Technik und Wissenschaft können wir materielle Vollkommenheit erwarten – die materielle Verkörperung der höchsten Wahrheit. Nur wenn im materiellen Erfolg Verwirklichung zu finden ist, kann die materielle Welt Dauerhaftigkeit in ewigen Werten gewinnen. Wenn andererseits in der inneren Welt Vollkommenheit fehlt, muss der materielle Erfolg die innere Verwirklichung anregen, zum Vorschein zu kommen und die Führung zu übernehmen.
Wenn ein Sucher einmal fortgeschritten ist, verschwinden dann alle Hindernisse auf dem Weg zur Gott-Verwirklichung und wird seine Verwirklichung dann eine Gewissheit für diese Inkarnation?
Sri Chinmoy:
Solange du nicht das Ziel erreicht hast, gibt es keinerlei Gewissheit. Du bist vielleicht nur noch einen Schritt vom Ziel entfernt und kannst dennoch fallen. Selbst im letzten Moment weißt du nicht, ob du das Rennen gewinnen wirst oder nicht. Die letzte Prüfung vor der Gott-Verwirklichung ist außerordentlich schwierig. Glaub mir, viele wirklich aufrichtige Sucher stehen kurz davor Gott zu verwirklichen; in der inneren Welt sind sie nur noch wenige Zentimeter davon entfernt, aber dann werden sie von feindlichen Kräften erbarmungslos angegriffen und fallen. Dann brauchen sie so lange, bis sie wieder aufstehen. Manche Sucher brauchen sechs Monate oder zwei Jahre oder vier Jahre, andere müssen sogar bis zur nächsten Inkarnation warten. Sei daher immer auf der Hut und lauf so schnell du kannst deinem Ziel entgegen. Bleib nicht stehen, bevor das Rennen gewonnen ist, sonst zieht dich die Kraft der Unwissenheit wieder zurück zum Ausgangspunkt.
Ist es möglich, in einer Inkarnation die Weisheit und umfassende Erkenntnis Gottes zu erlangen?
Sri Chinmoy:
Es ist absolut möglich, umfassende Erkenntnis Gottes zu erlangen, vorausgesetzt der Sucher besitzt aufrichtigstes inneres Streben. Außerdem muss der Sucher in der Lage sein, die Erkenntnis und die Weisheit Gottes aufzunehmen. Drittens muss der Sucher einen sehr hohen spirituellen Meister haben, einen Gottverwirklichten Yogi höchster Ordnung. Viertens muss es der Wille Gottes sein, dass der Sucher diese umfassende innere Weisheit und innere Erkenntnis empfängt. Wenn alle vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind, dann ist es absolut möglich.
Doch wenn jemand gerade erst das spirituelle Leben beginnt und Gott ohne die Hilfe eines Meisters verwirklichen will, dann ist es unmöglich. Für einen gewöhnlichen Menschen sind dafür Hunderte und Tausende von Inkarnationen erforderlich. Selbst wenn jemand einen guten Meister hat – wenn der Schüler nicht hundertprozentig aufrichtig ist, kann es sechs, sieben, zehn oder zwanzig Inkarnationen dauern. Die allerbesten Schüler jedoch erhalten die Verwirklichung entweder in einer Inkarnation oder in wenigen Inkarnationen, unter der beständigen Führung des Meisters.
Gelegentlich verwirklicht jemand Gott, ohne einen spirituellen Meister zu haben. Wie ist das möglich? In seiner letzten Inkarnation hatte er vielleicht einen sehr, sehr machtvollen Meister. In dieser Inkarnation hat der Meister keine menschliche Inkarnation angenommen, aber von der inneren Welt aus führt, formt und lehrt ihn der Meister fortwährend. Der Sucher weiß, dass sein Guru ihn in seinen Träumen und in seiner Meditation lehrt.
Dann gibt es natürlich noch eine andere Möglichkeit. Wenn der Sucher einige Inkarnationen hindurch meditiert hat und Gott mit ihm äußerst zufrieden ist, und wenn der Sucher in dieser Inkarnation nicht mit einem spirituellen Meister gesegnet worden ist, dann übernimmt Gott selbst die Rolle eines spirituellen Meisters, sogar in den wachen Stunden und in den alltäglichen Handlungen des Suchers. Wenn der Sucher ein Glas Wasser trinken soll, wird Gott ihm sagen: „Geh und trinke ein Glas Wasser.“ Und wenn er das Fenster schließen soll, wird es Gott ihm sagen. Gott wird die Form eines sehr, sehr leuchtenden Wesens annehmen und ihn auf diese Weise führen.
Wenn ein Sucher in diesem Leben Gott nicht verwirklicht, heißt das, dass all seine Mühe vergeblich war?
Sri Chinmoy:
Wenn es dem Sucher nicht gelingt, spirituelle Vollkommenheit in diesem Leben zu erlangen, so heißt das nicht, dass er alles verlieren wird. Wenn er in diesem Leben seine Reise nicht vollenden kann, dann wird er in seiner nächsten Inkarnation die Reise dort fortsetzen, wo er sie unterbrochen hat. Nichts geht verloren. Leider wird er aber in den zwölf, dreizehn Jahren seiner Kindheit von der Unwissenheit eingefangen. Die Unwissenheit wird vor ihm stehen und ihn wie ein Wolf verschlingen. Er wird aus der inneren Welt Kraft schöpfen und dann wie ein Krieger auf dem Schlachtfeld des Lebens kämpfen müssen, um die Unwissenheit erneut zu besiegen. Aber jemand, der in seiner früheren Inkarnation Gott verwirklicht und vollkommene Vollkommenheit erlangt hat, braucht nicht all diese Jahre zu warten. Deshalb ist es besser, alles in diesem Leben zu bewältigen, damit wir in unserer nächsten Inkarnation gleich von Anfang an weiterreisen können.
Glaubst du, dass ein Mensch Gott verwirklichen und mit Ihm auf dieser materiellen Ebene eins werden kann, die so unwissend und dunkel ist?
Sri Chinmoy:
Einerseits ist der Planet Erde dunkel, unwissend, unbewusst; er macht sich nichts aus irgendetwas Göttlichem. Andererseits hat er einen gewaltigen inneren Drang, sich auszudehnen und über sich hinaus zu wachsen. Gott strebt durch das Erdbewusstsein. Die Erde ist der einzige Ort für Leute, die reich sein wollen, sei es auf der physischen oder auf der spirituellen Ebene. Sowohl das Leben der Wünsche als auch das Leben des inneren Strebens ist auf der Erde möglich. Andere Welten bieten nur statisches Vergnügen. In anderen Welten sind die Wesen mit dem zufrieden, was sie bereits erreicht haben, während hier niemand wirklich zufrieden ist mit dem, was er bisher erreicht hat. Unzufriedenheit bedeutet jedoch nicht, dass wir uns über andere oder über die Welt ärgern. Nein! Unzufriedenheit bedeutet, dass wir ein ständiges Bestreben danach haben, weiter und weiter zu gehen. Wenn wir ein wenig Licht besitzen, möchten wir mehr Licht, eine Fülle von Licht, unendliches Licht erhalten.
Unserer indischen Tradition gemäß gibt es Tausende von kosmischen Göttern und so viele Schutzgottheiten wie es Menschen gibt. Diese Schutzgottheiten und Götter weilen in den höheren Welten – der vitalen Welt, der intuitiven Welt oder auf noch anderen höheren Ebenen. Im Augenblick haben sie mehr Macht und größere Fähigkeiten als wir und sind zufrieden mit dem, was sie haben. Sie wollen nicht einen Millimeter darüber hinausgehen. Dennoch sind ihre Fähigkeiten begrenzt im Vergleich zum Licht, zur Glückseligkeit und zur Macht des Supreme. Wenn wir einmal befreit und verwirklicht sind, wenn wir bewusst eins sind mit dem Bewusstsein des Supreme, dann werden wir unendlich viel größere Fähigkeiten besitzen als diese Gottheiten und Götter.
Als die Schöpfung begann, folgten die Seelen, die Fortschritt machen wollten, einem anderen Pfad. Sie wollten die höchste Wahrheit, die unendliche Wahrheit. Selbst die kosmischen Götter müssen zur Erde herab kommen, menschliche Form annehmen und dann kraft ihrer absoluten Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe Gott verwirklichen, wenn sie unendlichen Frieden, Licht und Glückseligkeit erhalten wollen. Nur hier im physischen Körper können wir beten und meditieren und das Höchste verwirklichen. Nur dieser Planet befindet sich in Entwicklung. Entwicklung bedeutet beständigen Fortschritt, beständige Errungenschaft. Wenn jemand Fortschritt machen möchte, wenn jemand über sich hinauswachsen will, dann muss er hierher kommen. Hier allein ist der Ort, wo Gott verwirklicht, enthüllt und manifestiert werden muss.
Woher weißt du, dass es so etwas wie Verwirklichung gibt, und woran erkennt man, dass man verwirklicht ist?
Sri Chinmoy:
Viele Menschen haben Gott verwirklicht. Das ist nicht meine Theorie, das ist nicht meine Entdeckung. Indische Heilige, indische spirituelle Meister der fernen Vergangenheit haben die Wahrheit gefunden, und ich stimme mit ihnen aufgrund meiner eigenen Verwirklichung überein.
Wenn du eine Mango isst, dann weißt du, dass du sie gegessen hast. Du hast eine Mango gegessen, und dieses Wissen trägst du in dir. Wenn andere sagen: „Nein, du hast keine Mango gegessen“, dann stört dich das nicht weiter, denn du weißt, was du getan hast. Solange dein Hunger gestillt ist, brauchst du nicht die Bestätigung oder Anerkennung anderer. Der köstliche Geschmack, das Erlebnis, das du hattest, ist dir Beweis genug. Genauso ist es im spirituellen Leben. Wenn man den Nektar der Verwirklichung getrunken hat, dann weiß man, dass man Gott tatsächlich verwirklicht hat. Man fühlt in seinem inneren Bewusstsein unendlichen Frieden, unendliches Licht, unendliche Glückseligkeit, unendliche Kraft. Ein verwirklichter Mensch kann in seinem eigenen inneren Bewusstsein sehen, fühlen und erkennen, was Göttlichkeit ist. Wenn man Verwirklichung besitzt, hat man freien Zugang zu Gott und ein Gefühl vollständiger Erfüllung. Wenn die Verwirklichung im Leben eines Suchenden erwacht, dann wird er es unweigerlich wissen.
Wenn ein Mensch den Zustand erreicht, wo er Vereinigung mit Gott erlangt, wird dann seine Emotion oder sein Gefühl inneren Strebens so intensiv, dass er es automatisch in Worten zum Ausdruck bringt?
Sri Chinmoy:
Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Worte. Du kannst die Vereinigung mit Gott nicht mit Worten ausdrücken, du kannst sie nur fühlen.
Selbst dann nicht, wenn es Worte des Lobpreises und des Einsseins mit Gott sind?
Sri Chinmoy:
Doch, es kann Worte des Lobpreises und der Einheit geben. Menschliche Sucher drücken ihre spirituellen Erfahrungen tatsächlich oft in Worten von tiefer Schönheit aus. Viele spirituelle Persönlichkeiten haben uns beschrieben, was Vereinigung mit Gott bedeutet, und vom Verstand her glauben wir es zu kennen. Aber Gott-Verwirklichung kann nicht in menschlicher Sprache ausgedrückt werden. Jemand, der Gott verwirklicht hat, ist einem gewöhnlichen Menschen weit überlegen, und es gibt keine menschlichen Worte, seinem Bewusstsein Ausdruck zu verleihen.
Verhält sich ein Mensch, nachdem er Gott verwirklicht hat, immer noch wie ein normales Wesen?
Sri Chinmoy:
Wenn wir den Ausdruck „Verwirklichung“ verwenden, sind die Leute oft verwirrt. Sie glauben, dass ein verwirklichter Mensch sich völlig von einem normalen Menschen unterscheidet, dass er sich auf sehr ungewöhnliche Weise verhält. Aber ich möchte betonen, dass sich ein verwirklichter Mensch nicht ungewöhnlich zu verhalten braucht und es auch nicht tun sollte. Was hat er verwirklicht? Die höchste Wahrheit in Gott. Und wer ist Gott? Gott ist jemand oder etwas völlig Normales.
Wenn jemand das Höchste verwirklicht, bedeutet dies, dass er inneren Frieden, Licht und Glückseligkeit in unendlichem Maße besitzt. Es bedeutet nicht, dass seine äußere Erscheinung oder seine äußeren Merkmale sich verändern, denn der Frieden, das Licht und die Glückseligkeit sind in seinem inneren Bewusstsein. Selbst nachdem ein spiritueller Meister das Höchste verwirklicht hat, isst, schläft, redet und atmet er immer noch so wie andere auch.
Im Innern des Menschlichen existiert das Göttliche. Wir brauchen nicht in einer Höhle im Himalaya zu leben, um unsere Göttlichkeit zu beweisen; diese Göttlichkeit können wir in unserem normalen Alltagsleben zum Vorschein bringen. Spiritualität ist etwas absolut Normales, doch leider haben wir mittlerweile das Gefühl, dass sie unnormal sei, weil wir so wenige spirituelle Menschen in dieser Welt der Unwissenheit sehen. Aber dieses Gefühl ist ein bedauerlicher Fehler. Wahre Spiritualität ist die Annahme des Lebens. Zuerst müssen wir das Leben annehmen so wie es ist, und dann müssen wir versuchen, das Gesicht der Welt durch unser inneres Streben und unsere Verwirklichung zu vergöttlichen und zu verwandeln.
Unspirituelle Leute denken häufig, dass eine verwirklichte Person, wenn sie wahrhaft verwirklicht ist, in jedem Augenblick Wunder vollbringen muss. Aber Wunder und Gott-Verwirklichung gehen nicht unbedingt Hand in Hand. Wenn du einen spirituellen Meister anschaust, wirst du Frieden, Licht, Glückseligkeit und göttliche Kraft bemerken. Tritt in ihn ein und du wirst all diese Dinge fühlen. Wenn du jedoch etwas anderes von einer verwirklichten Seele erwartest, wenn du zu einem spirituellen Meister kommst und glaubst, dass er deine maßlosen Wünsche erfüllen und dich zu einem Multimillionär machen wird, dann irrst du dich gewaltig. Wenn es der Wille des Supreme ist, kann der Meister leicht jemanden über Nacht zu einem Multimillionär machen. Er kann materiellen Wohlstand in Hülle und Fülle herab bringen, aber normalerweise ist dies nicht der Wille des Supreme. Der Wille des Supreme ist für das innere Gedeihen, nicht für äußeren Reichtum.
Einmal hast du gesagt, dass die spirituelle Manifestation automatisch kommt, wenn ein Sucher die höchste Verwirklichung erlangt. Würdest du mir bitte erklären, was du mit dieser Art von Manifestation meinst?
Sri Chinmoy:
Wenn jemand Verwirklichung erlangt und er in der Welt bleibt, beginnt automatisch die Manifestation. Was geschieht, wenn du vor einer befreiten, voll verwirklichten Seele stehst? Sofort wirst du den riesigen Unterschied zwischen dir selbst und diesem Menschen sehen. Das erste, was du an ihm bemerken wirst, ist Frieden; in seinen Augen wirst du unendlichen Frieden sehen. Sein Körper wird dir ein Gefühl von Reinheit vermitteln, einer Reinheit, die du nie zuvor in deinem eigenen Leben oder im Leben anderer wahrgenommen hast. Wie kommt es, dass er Reinheit, Licht und göttliche Kraft ausstrahlt, während ein anderer das nicht tut? Aus dem einfachen Grund, weil er vollständig verwirklicht ist. Er wird vielleicht gar nichts zu dir sagen, aber von seiner bloßen Gegenwart wirst du unendlichen Frieden, unendliche Glückseligkeit, unendliches Licht erhalten. Verwirklichung zeigt automatisch ihr eigenes Potenzial, und das ist Manifestation. Die innere Verwirklichung des Meisters manifestiert sich durch die äußere Form, welche der Körper ist.
Es gibt noch eine andere Art von Manifestation, die wir eher auf der physischen Ebene finden: das ist die Manifestation der Göttlichkeit auf Erden. Diese Manifestation findet statt, wenn ein spiritueller Meister bewusst versucht, spirituell hungrige Menschen zu erwecken. Es gibt viele Menschen auf der Erde, die spirituell hungrig sind, die aber keinen Meister oder spirituellen Pfad haben. Daher versucht der Meister, sie zu inspirieren, in ihnen die Flamme bewussten inneren Strebens zu entfachen und sie zu einem spirituellen Pfad zu führen.
Wenn ein Meister mit Hilfe seiner liebsten Schüler versucht, die Göttlichkeit auf der Erde zu manifestieren, dann verstehen die Leute das mitunter falsch. Sie glauben, dass er jeden bekehren will. Doch das Motiv eines Meisters ist nicht das eines Missionars. Christliche Missionare gingen nach Indien und in die ganze Welt und verkündeten: „Es gibt nur einen Erlöser, Jesus Christus.“ Aber wenn Christus der einzige Erlöser ist, was ist dann mit Buddha? Was ist dann mit Krishna? Was ist mit Sri Ramakrishna und all den anderen großen Meistern? Natürlich ist jeder echte spirituelle Meister ein Erlöser; aber zu behaupten, dass er der einzige Erlöser sei oder sein Pfad der einzige Weg, ist Torheit. Wenn ich sage, dass mein Weg der einzige Weg ist und du zur Hölle fahren musst, wenn du mich nicht annimmst, dann gibt es keine dümmere Person auf der Erde als mich. Auf unserem Weg versuchen wir nicht, andere zu bekehren; wir versuchen nur zu inspirieren.
Ein verwirklichter Meister versucht niemals zu bekehren; er bietet lediglich den strebenden Seelen seine Verwirklichung in Form von Inspiration an. Das ist der Grund, warum der Meister wie ein normaler Mensch handeln muss. Wenn er sich nicht wie ein normaler Mensch verhält, wenn er nicht auf menschliche Weise isst, spricht und schläft, dann werden die Leute sagen: „Oh, du bist weit über unsere Welt hinaus gegangen. Es ist uns einfach nicht möglich, dir zu folgen.“ Aber der spirituelle Meister sagt: „Nein, ich mache alles so wie ihr. Wenn ich dieselbe Nahrung essen kann, wenn ich mit euch zusammen sein kann, so wie ihr mit anderen zusammen seid, und dennoch nicht mein höchstes Bewusstsein verliere, wie kommt es, dass ihr nicht auch in das Höchste eintreten könnt?“ Auf diese Weise inspiriert der Meister seine Schüler.
Aber Inspiration ist nicht genug. Auf Inspiration folgt inneres Streben. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Inspiration und innerem Streben. Inneres Streben ist etwas sehr, sehr Hohes. Der spirituelle Meister wird mit seinen Schülern eins, deren inneres Streben er bereits entfacht hat, und gemeinsam versuchen sie, die spirituell hungrige Welt zu inspirieren. Auf diese Weise wird Verwirklichung in Manifestation verwandelt.
Im Innern der Verwirklichung wirst du die Manifestation sehen. Manifestation ist die äußere Form der Verwirklichung, und jemand, der wirklich spirituell ist, wird sofort die Manifestation in der Verwirklichung selbst fühlen. Wenn ich etwas verwirklicht und in der äußeren Welt manifestiert habe, dann fühlt es das Herz der Menschheit, aber der physische Verstand braucht vielleicht eine Weile, bis er die Manifestation erkennt und versteht. Im Bereich der Manifestation hat der Meister mit unwissenden, unstrebsamen oder emotional gebundenen Menschen zu tun, die das volle Licht des Meisters nicht sehen werden. Aber ein großer Strebender sieht die Verwirklichung und kann die Verwirklichung nicht von der Manifestation trennen.
Was ist der Unterschied zwischen Enthüllung und Manifestation?
Sri Chinmoy:
Lass mich dir ein Beispiel nennen. Nehmen wir einmal an, du hast in deiner Tasche eine köstliche Mango. Du steckst deine Hand in die Tasche, holst die Mango heraus und zeigst sie mir. Das ist Enthüllung. Zuvor war die Mango versteckt und nun hast du sie enthüllt. Danach musst du sie manifestieren. Wie machst du das? Du wirst sie in Stücke schneiden und sie mit mir und anderen teilen.
Wenn du Gott oder die Wahrheit oder das Licht der Welt enthüllst, dann bedeutet das, dass du diese Dinge zum Vorschein gebracht hast und die ganze Welt sie sehen kann. Aber wenn niemand sieht, was du enthüllt hast, oder wenn es niemand annimmt oder versteht, dann ist das Enthüllung ohne Manifestation. Manifestation bedeutet nicht nur zu zeigen, was du hast und was du bist, sondern dieses die Welt auch sehen, fühlen, verstehen und annehmen zu lassen. Das ist der Unterschied. Die Verwirklichung von heute ist die Enthüllung von morgen. Enthüllung ist heute manifestierte Verwirklichung und morgen erfüllte Manifestation.
Frage: Waren die spanischen Mystiker gottverwirklicht?
Sri Chinmoy: Der Ausdruck „Mystiker“ ist sehr vage und kompliziert. Nicht alle der spanischen Mystiker waren verwirklicht, aber einige von ihnen waren es definitiv! Viele von ihnen betraten die mystische Welt für eine gewisse Zeit und schrieben Gedichte und so weiter. Aber warum nur nach den spanischen Mystikern fragen? Es hat viele Mystiker gegeben, aber nur sehr wenige waren verwirklicht. Wenn sie allerdings zu echten Gottliebenden, echten Suchern wurden, dann waren sie nicht länger nur Mystiker. Von diesem Gesichtspunkt aus kann ich sagen, dass ein Yogi einem Mystiker unendlich überlegen ist.
Was ist der Unterschied zwischen einer mystischen Erfahrung und Gott-Verwirklichung?
Sri Chinmoy:
Gott-Verwirklichung ist etwas unendlich viel Höheres als eine mystische Erfahrung. In einer mystischen Erfahrung erlebst du Gottes Gegenwart als etwas sehr Inniges und Zartes, aber sie ist nicht von Dauer. Sobald du eine mystische Erfahrung hast, kannst du sie auch wieder verlieren. Aber Gott-Verwirklichung kannst du nicht verlieren; sie ist von Dauer. Hast du einmal Gott verwirklicht, verlierst du niemals mehr, was du hast.
Dichter haben bisweilen mystische Erfahrungen. Ein Dichter kann sehr hohes Licht empfangen, verbunden mit einem tiefen mystischen Erlebnis. Doch nachdem er seine Gedichte vollendet hat, wird das Bewusstsein des Dichters oft wieder ungöttlich, und dann kann er seine mystische Erfahrung nicht aufrecht erhalten. Eine mystische Erfahrung ist keine anhaltende Erfahrung. Doch nach der Gott-Verwirklichung wird eine mystische Erfahrung bleibende Kraft haben und kann dauerhaft werden. Es besteht also ein großer Unterschied zwischen Gott-Verwirklichung und einer mystischen Erfahrung. Gott-Verwirklichung ist etwas Unendliches, Ewiges und Wahres. Eine mystische Erfahrung ist göttlich, aber wenn eine mystische Erfahrung nicht nach der Gott-Verwirklichung kommt, hält sie nicht an. Ein Mystiker ist einem Yogi weit unterlegen. Es gibt keinen Vergleich. Ein Yogi dient ständig und bedingungslos dem Supreme und hat fortwährend Gotteserfahrungen. Ein Mystiker ist mit der Erfahrung an sich zufrieden. Er möchte in das Weisheits-Licht eindringen, aber er kümmert sich nicht um die Welt. Der Yogi kümmert sich um die Welt. Der Mystiker will nur die Erfahrung, und er will, dass sie ihn schließlich mit Gott verschmelzen lässt.
