
Ego
Das Ego ist ein Dieb. Es beraubt uns unserer Erfahrung des Einsseins und wahrer Erfüllung. Es begrenzt uns, sucht Überlegenheit und will alles für sich besitzen. Sri Chinmoy zeigt Wege, das Ego zu transzendieren, um wahrhaft glücklich zu sein.
Fragen
- Bitte sprich über das menschliche Ego.
- Wie kann ich das Ego überwinden?
- Ich habe das Gefühl, dass ich immer mit anderen wetteifere. Wie kann ich das überwinden?
- Um den Zustand reiner Glückseligkeit zu erlangen, muss man das Ego aufgeben. Was genau ist das Ego?
- Wie wurde das Ego geboren? Wie ist es entstanden?
- Wie können wir das Ego schwächen und schließlich unterwerfen?
Bitte sprich über das menschliche Ego.
Sri Chinmoy: Das Ego ist das, was uns in jedem Bereich des Lebens begrenzt. Wir sind Gottes Kinder; wir sind eins mit Gott. Doch das Ego gibt uns das Gefühl, dass wir nicht zu Gott gehören, dass wir Ihm völlig fremd sind. Es lässt uns höchstens fühlen, dass wir zu Gott gehen, nicht aber, dass wir in Gott sind.
Es gibt viele Diebe, aber der schlimmste von allen Dieben ist ohne Zweifel unser Ego. Dieser Dieb kann all unsere Göttlichkeit stehlen. Nicht nur unsere Erfahrungen fürchten sich vor diesem Ego-Dieb, sondern auch unsere Verwirklichung, unsere teilweise Verwirklichung fürchtet sich vor ihm. Wir müssen uns vor dem Ego-Dieb sehr in Acht nehmen.
Unser menschliches Ego möchte etwas Großes, Grandioses und Außergewöhnliches vollbringen, aber etwas Einzigartiges ist nicht notwendigerweise das, was Gott von uns will. Es ist immer schön, etwas Großartiges tun zu können, aber vielleicht hat uns Gott dazu gar nicht ausersehen. Gott mag uns dazu ausersehen haben, etwas zu tun, das in der äußeren Welt unbedeutend ist. Im Auge Gottes ist derjenige der größte Devotee, der seine gottgegebene Aufgabe seelenvoll und hingebungsvoll erfüllt, egal wie unbedeutend sie erscheinen mag. Jeder Mensch ist ein auserwähltes Kind Gottes. Und genauso ist jeder Mensch dazu bestimmt, eine wichtige Rolle in Gottes göttlichem Spiel zu spielen. Nur wenn Gott sieht, dass jemand die Rolle spielt, die Er für ihn ausgewählt hat, wird Er mit göttlichem Stolz erfüllt sein. Unser Ego wird versuchen, großartige Dinge zu erreichen oder zu vollbringen, doch im Auge Gottes können wir niemals groß sein, solange wir nicht das tun, was Gott von uns möchte.
Das gewöhnliche menschliche Ego glaubt, dass es alles erreicht hat und alles weiß. Das erinnert mich an eine Anekdote, die Swami Vivekananda beim Parlament der Weltreligionen 1893 in Chicago erzählte. Sie heißt „Der Frosch im Brunnen.“
Es war einmal ein Frosch, der in einem Brunnen zur Welt kam und dort aufwuchs. Eines Tages hüpfte ein Frosch vom Feld in den Brunnen. Der erste Frosch sagte zu dem anderen: „Wo kommst du her?“
Der zweite Frosch antwortete: „Ich komme vom Feld.“
„Feld? Wie groß ist das?“ fragte der erste Frosch.
„Oh, es ist sehr groß“, erwiderte der zweite.
Der Brunnenfrosch streckte seine Beine aus und sagte: „Ist es so groß?“
„Nein, größer! Viel größer!“ sagte der Feldfrosch.
Der andere Frosch hüpfte von einem Ende des Brunnens zum anderen und sagte: „Das muss so weit wie das Feld sein!“
Der zweite Frosch sagte: „Nein, das Feld ist unendlich viel größer.“
„Du bist ein Lügner!“ rief der erste Frosch. „Jetzt werfe ich dich aber hinaus!“
Dies zeigt die Tendenz unseres menschlichen Egos. Große spirituelle Meister und Weise sprechen von Unendlichkeit, Ewigkeit und Unsterblichkeit. Der Anfänger, der gerade sein spirituelles Leben beginnt, wird augenblicklich fragen: „Ist Unendlichkeit ein wenig größer als der Himmel?“
Der Weise wird erwidern: „Nein, Unendlichkeit ist unendlich viel größer als deine Vorstellungskraft, größer als dein Begriffsvermögen.“
Sofort wird der Weise kritisiert, weil uns das Ego fühlen lässt, dass das, was wir erkannt haben, niemals von der Erkenntnis und Erfahrung anderer übertroffen werden kann. Das Ego mag es nicht, wenn jemand anderes größere Fähigkeiten besitzt oder etwas tun kann, was es selbst nicht kann. In einem Moment gibt uns das Ego das Gefühl, dass wir nichts sind, und im nächsten Moment will es uns glauben machen, dass wir alles sind. Wir müssen sowohl vor unserem Gefühl der eigenen Wichtigkeit als auch vor dem Gefühl der Nichtigkeit auf der Hut sein. Wir müssen sagen, dass wir gerne ein Nichts sind, wenn Gott möchte, dass wir ein Nichts sind, und dass wir gerne Alles sind, wenn Gott möchte, dass wir Alles sind. Wir müssen uns bedingungslos und freudig dem Willen Gottes hingeben. Wenn Er möchte, dass wir Ihm gleichgestellt sind, dann werden wir dies sein. Wenn Er möchte, dass wir Seine wahren Vertreter auf Erden sind, dann werden wir das sein. „Dein Wille geschehe.“
Wie kann ich das Ego überwinden?
Sri Chinmoy: Fühle, dass dein Ego ein Dieb in dir ist. Was machst du, wenn du einen Dieb siehst? Du verfolgst ihn. Fühle, dass ein Dieb in dich eingetreten ist, in deinen Raum des inneren Strebens. Beginne dein Ego, den Dieb, zu verfolgen. Wenn du wirklich fühlen kannst, dass dein Ego ein Dieb ist, wird der Tag kommen, wo es dir gelingen wird, ihn zu fangen. Es wird vielleicht nicht auf einmal geschehen, aber wenn du weißt, dass etwas gestohlen wurde und du den Dieb gesehen hast, dann wirst du weiter suchen. Eines Tages wird deine Suche belohnt werden. Was passiert, wenn du das Ego fängst? Dein Schwert universellen Einsseins wird es verwandeln.
Ego bedeutet Getrenntheit und Individualität. Getrenntheit und menschliche Individualität können nicht im Meer des Einsseins und der Universalität leben. Wenn wir unsere abgetrennte Individualität behalten wollen, wird unser Leben in Zerstörung enden. Bevor ein Tropfen in das Meer eintaucht, sagt er: „Hier ist der mächtige Ozean, der weite Ozean. Wenn ich in ihn eintauche, werde ich völlig verloren sein; ich werde aufhören zu existieren!“ Doch das ist die falsche Art zu denken. Der Tropfen sollte spirituell weise sein. Er sollte fühlen: „Wenn ich in dieses weite Meer eintauche, werde ich mit ihm untrennbar verschmelzen. Dann werde ich den unendlichen Ozean als Teil meiner selbst ansehen können.“ Wer kann dies bestreiten? In dem Moment, wo der Tropfen in den Ozean eintaucht, wird er eins mit dem Ozean; er wird zum Ozean selbst. Wer kann dann noch das Bewusstsein des Tropfens vom Bewusstsein des ganzen weiten Ozeans unterscheiden?
Das menschliche Ego plagt uns ohne Unterlass. Doch wenn wir das göttliche Ego haben, das uns fühlen lässt: „Ich bin Gottes Sohn, ich bin Gottes Tochter“, dann werden wir unser Dasein nicht vom Rest der Schöpfung Gottes trennen. Gott ist allwissend, allmächtig und allgegenwärtig. Wenn Er alles ist, wenn Er überall ist, und ich Sein Sohn bin, wie kann ich dann auf einen bestimmten Ort begrenzt sein? Dieses göttliche Ego oder dieser göttliche Stolz sind absolut notwendig. „Ich kann mich nicht den Vergnügungen der Unwissenheit überlassen. Ich bin Gottes Kind. Es ist mein Geburtsrecht, Ihn zu verwirklichen, Ihn in mir und in jedem Menschen zu entdecken. Er ist mein Vater. Wenn Er so göttlich sein kann, warum soll ich es nicht können? Ich kam von Ihm, vom Absoluten, vom Supreme, deshalb sollte auch ich göttlich sein.“ Dieser göttliche Stolz muss zum Vorschein kommen. Das gewöhnliche Ego, das uns ständig bindet, muss verwandelt werden. Das göttliche Ego, der göttliche Stolz, der das Universum sein eigen nennt, sollte unsere einzige Wahl sein.
Das Ego befasst sich nur mit der Person und ihren Besitztümern. Wenn wir uns mit dem universellen Bewusstsein befassen, werden wir zum ganzen Universum. In diesem Bewusstsein handeln wir nicht wie ein winziges Einzelwesen, das nur sich selbst sein eigen nennt und fühlt: „Das ist mein Eigentum. Das ist meine Fähigkeit. Das ist meine Errungenschaft.“ Nein, dann werden wir sagen: „Alle Errungenschaften sind mein. Es gibt nichts, das ich nicht mein eigen nennen kann.“
Der einfachste Weg, wie wir das Ego überwinden können, besteht darin, Gott täglich fünf Minuten Dankbarkeit zu schenken. Dann wirst du fühlen, dass in dir eine süße, duftende und wunderschöne Blume heranwächst. Das ist die Blume der Demut. Wenn du Ihm deine Dankbarkeit schenkst, dann gibt dir Gott etwas außerordentlich Schönes, nämlich Demut. Wenn das Ego einmal die Blume der Demut gesehen hat, verschwindet es, weil es fühlt, dass es etwas Besseres werden kann: universelles Einssein.
Je mehr wir geben, desto mehr werden wir geschätzt. Denke an einen heranwachsenden Baum. Ein Baum hat Blüten, Früchte, Blätter, Äste und einen Stamm. Aber der Baum erhält wahre Erfüllung nicht dadurch, dass er seine Fähigkeit besitzt, sondern indem er sie anbietet. Nur durch Sich-selbst-Geben erhält er Erfüllung. Wenn er der Welt seine Früchte anerbietet, beugt er sich in äußerster Demut herab. Wenn er Schatten oder Schutz spendet, dann spendet er ihn jedem Menschen, ungeachtet seines Reichtums, seines Standes oder seiner Fähigkeit. Auch wir erhalten wirkliche Erfüllung erst durch Selbst-Geben und nicht, indem wir alles für uns selbst behalten.
Das Ego versucht immer, Dinge für sich selbst zu besitzen. Doch wenn wir das Ego transzendieren, versuchen wir alles für die Erfüllung Gottes, für die Erfüllung der Welt und für die Erfüllung unserer Seele zu geben. Auf der menschlichen Ebene versucht das Ego Erfüllung und Befriedigung zu erlangen, indem es Dinge für seine eigenen Zwecke gebraucht. Im spirituellen Leben transzendieren wir das menschliche Ego und dann benutzen wir diese Dinge für einen göttlichen Zweck, zur Erfüllung der ganzen Welt.
Ich habe das Gefühl, dass ich immer mit anderen wetteifere. Wie kann ich das überwinden?
Sri Chinmoy: Versuche immer, dein Einssein mit den anderen zu fühlen. Dadurch dehnst du augenblicklich dein Bewusstsein aus. Wenn jemand etwas sehr gut macht, solltest du sofort fühlen, dass du selbst es getan hast. Und er sollte dasselbe tun, wenn du etwas Bedeutendes vollbracht hast. Wann immer jemand etwas sehr gut macht, sollten die anderen fühlen, dass ihre bewusste Inspiration und Strebsamkeit den Betreffenden befähigt haben, diesen Erfolg zu erreichen. Wenn unsere innere Haltung immer von Teamgeist geprägt ist, werden wir das Ego überwinden können.
Das wetteifernde Ego sollte jedoch nicht mit göttlichem Stolz verwechselt werden. Manchmal denken wir: „Ich bin Gottes Sohn, wie kann ich da so schlecht sein? Wie kann ich nur lügen? Wie kann ich so unaufrichtig sein? Ich bin ein Instrument Gottes, wie kann ich da so etwas tun?“ Das ist auch eine Art von Ego, aber dieses Ego ist nicht das herausfordernde und destruktive Ego, welches uns drängt, andere mit allen Mitteln zu besiegen und die ganze Welt mit unserer unbezwingbaren Überlegenheit zu beherrschen. Das göttliche Ego kommt von unserem vergöttlichten Bewusstsein, von unserem inneren Einssein mit Gott. Wenn wir auf göttliche Weise fühlen, dass wir Gottes auserwähltes Instrument sind, kann es in unserem Leben kein ungöttliches Ego geben. Zuerst müssen wir dies im Innern fühlen. Dann müssen wir es in unseren Handlungen manifestieren.
Wenn jemand also etwas sehr gut gemacht hat, dann fühle bitte, dass du selbst es getan hast. Daran ist nichts Falsches. Du hältst dich damit keineswegs zum Narren. Denke nicht: „Oh, ich habe es nicht getan. Mein Name ist nicht soundso.“ Dein Name ist universelles Bewusstsein. Es gibt nur ein Wesen, und dieses Wesen ist das unendliche und alles durchdringende „Ich“. Wenn daher ein Bewohner des Universums etwas erreicht hat, kannst du leicht und vollkommen legitim erklären, dass du es erreicht hast, wenn du dich nur mit dem universellen Bewusstsein identifizieren kannst.
Um den Zustand reiner Glückseligkeit zu erlangen, muss man das Ego aufgeben. Was genau ist das Ego?
Sri Chinmoy: Das Ego gibt uns ständig das Gefühl, dass wir alles andere als göttlich sind. Wir sind Gottes Kinder, wir sind eins mit Gott, doch das Ego lässt uns fühlen, dass wir nicht zu Gott gehören, dass wir Gott völlig fremd sind. Bestenfalls lässt es uns fühlen, dass wir zu Gott gehen, nicht aber, dass wir in Gott sind.
Das gewöhnliche menschliche Ego gibt uns das Gefühl einer separaten Existenz, eines separaten, getrennten Bewusstseins. Zweifellos ist das Gefühl der Individualität, der eigenen Bedeutung, auf einer bestimmten Stufe der menschlichen Entwicklung notwendig. Doch das Ego trennt unser individuelles Bewusstsein vom universellen Bewusstsein. Die Funktion des Egos an sich ist Trennung. Es kann keine Befriedigung empfinden, wenn es zwei Dinge gleichzeitig auf derselben Ebene betrachtet. Es meint immer, dass einer der Überlegene und ein anderer der Unterlegene sein muss. Daher lässt uns das Ego glauben, dass wir alle voneinander getrennte Schwächlinge sind, dass es niemals für uns möglich sein wird, das unendliche Bewusstsein zu sein oder zu besitzen. Letztendlich ist Ego Begrenzung. Diese Begrenzung ist Unwissenheit, und Unwissenheit ist Tod. Daher endet das Ego schließlich im Tod.
Wie wurde das Ego geboren? Wie ist es entstanden?
Sri Chinmoy: Das Ego entstand durch Begrenzung. In dem Moment, da die Seele in das physische Bewusstsein oder die physische Welt eintaucht, kommt sie in eine fremde, unbekannte Welt herab. Obwohl sie eine Flamme des Göttlichen und in ihrer Essenz allmächtig ist, fällt es der Seele anfangs sehr schwer, mit der Welt zurecht zu kommen. Und die meiste Zeit muss sie unangenehme Erfahrungen auf sich nehmen, um in der physischen Welt zu bleiben und schließlich das Göttliche hier auf Erden zu verankern.
Das Ego erhält Tag für Tag die Gelegenheit, unabhängig zu funktionieren, und wird Tag für Tag stärker und trennt sich selbst völlig ab von seiner Quelle der absoluten göttlichen Erfüllung, der Seele. Das Ego will das Göttliche im Menschen erdrücken und aushungern, und die Unwissenheit der physischen Welt nährt diese Begrenzung, welche das Ego ist. Das Göttliche nährt das Ego anfangs ebenfalls, doch schließlich erleuchtet es das Ego und verwandelt es in ein vollkommenes Instrument des Supreme.
Wie können wir das Ego schwächen und schließlich unterwerfen?
Sri Chinmoy: Indem wir an Gottes alldurchdringendes Bewusstsein denken. Dieses Bewusstsein ist nichts, das wir erlangen müssen. Dieses Bewusstsein ist bereits in uns und wir brauchen seiner nur gewahr zu werden. Zudem müssen wir es, während wir uns in Meditation befinden, entwickeln und unendlich erleuchten. Inzwischen wird das Ego zu unserer großen Überraschung im Schoße des Todes begraben sein.
