Gebet

Sri Chinmoy erklärt, auf welche Weise er selbst betet, wofür er betet, was Gebet bedeutet und warum das höchste aller Gebete lautet: „Dein Wille geschehe.“

Was sagst du während du betest? Zu wem sprichst du? Hast du jemals für andere, für die Welt, für Frieden gebetet? Wie hast du das getan?

Sri Chinmoy: Wie beten wir? Mit Tränen im Herzen. Wo beten wir? An einem einsamen Ort. Wann beten wir? In dem Moment, da unser inneres Wesen will, dass wir beten. Warum beten wir? Das ist die Frage aller Fragen. Wir müssen beten, wenn wir wollen, dass unsere Bestrebungen von Gott erfüllt werden. Was können wir darüber hinaus von Gott erwarten? Wir können von Ihm erwarten, dass Er uns alles verstehen lässt; Alles im Nichts und Nichts in Allem; die Fülle in der Leere und die Leere in der Fülle.
Wenn ich bete, kommuniziere ich mit dem Höchsten Absoluten. Ich spreche zu Ihm entweder wie ein Bettler zu einem König oder wie ein Kind zu seinem Großvater. Im Alter von vier oder fünf Jahren begann ich zu beten und zu meditieren - man kann sagen, unbewusst. Aber seit dem Beginn meiner bewussten spirituellen Reise habe ich zum Supreme nicht nur für meine eigene Vervollkommnung im Leben gebetet, sondern auch für eine Einsseinswelt, die auf inneren Frieden gegründet ist. Am jetzigen Punkt meiner spirituellen Reise sind alle meine Gebete für andere, für die Welt, für den Frieden.
Auf der anderen Seite jedoch gibt es im höchsten Sinne keine Trennung zwischen mir und „anderen“. Nachdem ich meine bewusste Vereinigung mit Gott erlangt hatte, kam ich zu der Erkenntnis, dass es nur eine „Person“ gibt, und das ist mein universelles Einsseins-Leben.
Wenn ich bete, schließe ich daher automatisch alle Menschen auf Erden in mein Gebet mit ein. Und wenn ich meditiere, ist das genauso zum Wohl aller Seelen in Gottes gesamtem Universum. Wenn du einmal dein Einssein mit Gottes Willen errichtet hast, ist es äußerst leicht, seelenvoll, kraftvoll und bedingungslos dafür zu meditieren, dass Gottes Wille in jedem und durch jeden Menschen auf Erden vollzogen werde.

Wenn wir Gott anrufen, sollten wir das Wort „Du“ verwenden? Wenn nicht, welche Anrede oder Sprache sollten wir verwenden?

Sri Chinmoy: Du kannst „Du“ sagen oder dich an Gott mit jedem Namen wenden, bei dem du dich wohl fühlst oder dessen Aspekt du gern hast. Du kannst deine Gebete an Gott den Mitleidvollen, an Gott den Allmächtigen, an Gott den Geliebten Höchsten oder an jeden anderen Aspekt Gottes, den du magst, richten.
Während des Gebets und der Meditation ist es ratsam, zu Gott in deiner eigenen Muttersprache zu sprechen, weil die Sprache, die du von Geburt an gelernt hast, untrennbar eins mit deinem Lebensatem geworden ist, welcher vollkommene Einfachheit, Aufrichtigkeit, Reinheit und Göttlichkeit ist. Deshalb ist es ratsam, besonders für Sucher, zu Gott in der Sprache zu sprechen, mit der man aufgewachsen ist.

Zu Gott beten oder so zu arbeiten, wie Gott es von uns möchte - was ist besser?

Sri Chinmoy: Ich freue mich, diese Frage zu beantworten. Es ist eine zentrale Frage, aber die Antwort ist sehr einfach. Zu Gott beten oder so zu arbeiten, wie Gott es von uns möchte - beides ist von größter Bedeutung. Beides sind unabdingbare Wege zu einem Ziel. Und dieses Ziel ist Gottverwirklichung.

Welches ist das schönste Gebet? Das Gebet des Lobpreises und des Bittens, wo der Mensch Gott als allmächtig ansieht, oder das Gebet der Annahme: „Dein Wille geschehe“?

Sri Chinmoy: Das Gebet „Dein Wille geschehe“ ist unendlich viel schöner, unendlich viel erleuchtender und unendlich viel erfüllender als ein Gebet des Lobpreises und des Bittens. In unseren Gebeten würdigen, bewundern und verehren wir Gottes unendliche Fähigkeiten und Eigenschaften. Unbewusst oder bewusst hoffen wir als Gegenleistung, eine segensreiche Belohnung oder Gnade zu erhalten. In gewissem Sinne ist es wie der Versuch, Gott zu schmeicheln, und dafür erwarten wir etwas.
Doch wenn wir sagen „Dein Wille geschehe“, heißt das, dass wir uns unserer unermesslichen Begrenzungen, Unfähigkeiten und Unwissenheit vollkommen bewusst geworden sind und uns Gottes unermesslichen Mitleids, Seiner Anteilnahme und Liebe für uns gewahr sind. Wir geben zu, dass wir wegen unserer abgrundtiefen Unwissenheit nicht wissen, was gut für uns ist. Wir erkennen, dass wir nach dem Falschen fragen könnten, welches, anstatt uns zu helfen oder uns zu erfüllen, uns nur unglücklich machen wird. Daher bitten wir unseren göttlichen Vater, der uns unendlich viel mehr liebt als wir uns selbst lieben, die Führung in unserem Leben zu übernehmen und die Entscheidungen für uns zu treffen.
Wenn wir unseren erdgebundenen Willen Gottes himmelsfreiem Willen darbringen, fühlen wir, dass wir ein kleiner Tropfen sind, der in den grenzenlosen Ozean eingeht und untrennbar eins mit dem Ozean wird. Das letztendliche Ziel jeden Suchers ist es, unendlichen Frieden, unendliches Licht und unendliche Glückseligkeit zu erlangen, und dies kann nur erreicht werden, indem wir Gott den Allwissenden, Gott den Allmächtigen und Gott den Allgegenwärtigen auf Seine Weise erfüllen und erfreuen.

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