Angst und Furcht

Furcht und Angst behindern uns – auch wenn es um Erfahrungen im inneren Leben geht. Wenn wir uns jedoch mit der Seele identifizieren und unser Bewusstsein ausdehnen können, verlieren sie ihre Kraft – auch die Angst vor dem Tod.

Wie kommt es, dass ich mich vor dem inneren Leben fürchte?

Sri Chinmoy: Unsere Welt ist sonderbar. Noch sonderbarer ist unser menschliches Verständnis. Am sonderbarsten ist unsere Furcht vor dem inneren Leben. Die meisten von uns wissen nicht, was das innere Leben ist. Es ist das Leben, das lebt um zu wachsen und das wächst um zu leben.
Du fürchtest dich vor dem inneren Leben. Du glaubst, dass du in dem Moment, da du dich auf das innere Leben einlässt, in einem unbekannten Land verloren, völlig verloren bist. Du denkst vielleicht auch, dass du Luftschlösser baust, indem du das innere Leben annimmst. Und schließlich magst du sogar das Gefühl haben, das innere Leben anzunehmen würde bedeuten, dein äußerst kostbares Leben in den Rachen eines brüllenden Löwen zu werfen, der dich und dein äußeres Leben völlig verschlingen wird.
Du hast unzählige süße Träume, die du in Wirklichkeiten verwandeln möchtest. In allen deinen Träumen willst du die Welt genießen oder du willst der ganzen Welt deine großartige Macht anerbieten. Du hast das Gefühl, dass du all dieser unschätzbaren Errungenschaften beraubt sein wirst, wenn du dich auf das innere Leben einlässt. Das ist der Augenblick, wo Furcht und Angst in Erscheinung treten, und so scheust du natürlich vor dem inneren Leben zurück. Angst beginnt dich zu quälen. Sie versucht dich zu begrenzen und zu binden. Unglücklicherweise gibt dein Leben diesem bedauerlichen Umstand nach.
Wenn du jedoch ein Mal, ein einziges Mal deine lang gehegte Angst mit Hilfe deiner alles belebenden Meditation in die innere Welt tragen würdest, dann würdest du sehen, dass sie dort ihre Daseinsberechtigung verliert.

Wie können wir die Furcht vor dem Tod überwinden?

Sri Chinmoy: Wie du die Furcht vor dem Tod bezwingen kannst, hängt davon ab, wie sehr du Gott liebst und wie aufrichtig du Ihn brauchst. Wenn du jemanden brauchst, begründest du sofort einen gewissen inneren Zugang zu diesem Menschen. Wenn dein Bedürfnis nach Gott seelenvoll, ergeben und beständig ist, dann errichtest du in der inneren Welt einen freien Zugang zu Gottes Liebe, Gottes Mitleid und Gottes Anteilnahme. Und wenn du immer Gottes Liebe, Gottes Mitleid und Anteilnahme fühlst, wie kannst du dich dann vor dem Tod fürchten? In dem Moment, wo du fühlst, dass du Gott brauchst und Er dich braucht, in dem Moment, wo du Gott in dir, vor dir und um dich herum fühlst, existiert der Tod nicht länger für dich. Wenn Gott deinem Verstand fern ist, wenn Gott in deinem Herzen nicht zu finden ist, wenn du fühlst, dass Gott nirgendwo in deiner Nähe ist, dann existiert der Tod für dich. Wo ist der Tod denn sonst? Dieser physische Körper mag die Erde verlassen, doch die Seele, die ein bewusster Teil Gottes ist, wird in alle Ewigkeit in Gott und für Gott sein. Es liegt an dir, ob du dich für den Körper oder die Seele hältst. Wenn du dich für den Körper hältst und nicht innerlich strebst, dann bist du im spirituellen Leben bereits tot. Doch wenn du dich als die Seele siehst, dann bedeutet das, dass du bereits eine innere Verbindung zu Gott entwickelt hast. Wenn du weißt, dass die Seele deine wirkliche Wirklichkeit ist, dann wirst du vor dem Tod keine Angst haben.

Wie können wir Angst überwinden?

Sri Chinmoy: Angst kann im physischen Körper, im Vitalen, im Mentalen und selbst im Herzen vorkommen. Zuallererst muss man erkennen, wo die Angst sitzt. Wenn sich die Angst im Grobphysischen befindet, dann sollte sich der Betreffende auf das Nabelchakra konzentrieren. Wenn man sich auf das Nabelchakra konzentrieren und mit der Lebenskraft, mit der Lebensenergie im Physischen eins sein kann, dann kann man dort die Angst überwinden.
Wenn man die Angst im Vitalen überwinden will, dann sollte man sich auf das eigene innere Wesen konzentrieren. Aber das ist für Anfänger schwierig, daher rate ich ihnen zu versuchen, das dynamische Vitale in sich auszudehnen. Wir haben zwei Arten von Vitalen. Das eine ist aggressiv, das andere dynamisch. Das dynamische Vitale möchte lieber heute als morgen etwas auf göttliche Weise, auf eine erleuchtete Weise erschaffen. Wenn wir uns auf dieses Vitale konzentrieren oder unsere Aufmerksamkeit auf dieses Vitale richten können, dann dehnen wir unser Bewusstsein im Vitalen aus. Dann kann es dort keine Angst geben.
Um die Angst im Verstand zu überwinden, muss man den Verstand täglich leer machen. Der Verstand ist voller Zweifel, Dunkelheit, Unwissenheit, Misstrauen und so weiter. Früh am Morgen kannst du für zehn Minuten oder so versuchen, keinerlei Gedanken zu haben, weder gute noch schlechte, weder göttliche noch ungöttliche. Wenn ein Gedanke kommt, versuche ihn zu töten. Nach einer Weile lasse nur göttliche Gedanken zu, die deine Freunde sind. Am Anfang weißt du nicht, wer dein Freund und wer dein Feind ist, daher musst du sehr wachsam sein. Später kannst du dann nur deinen Freunden erlauben einzutreten. Deine Freunde sind göttliche Gedanken, progressive Gedanken, erleuchtete Gedanken. Diese Gedanken werden an deiner Statt die Angst im Verstand bezwingen. Fühle, dass dein Verstand wie ein Gefäß ist. Zuerst machst du es leer und dann wartest du, dass Frieden, Licht und Glückseligkeit herabströmen. Doch wenn du das Gefäß nicht zuerst ausleerst, werden Frieden, Licht und Glückseligkeit nicht eintreten können.

Warum gibt es Angst im Physischen, im Vitalen und im Verstand?

Sri Chinmoy: Aus dem einfachen Grund, weil wir unser Bewusstsein nicht ausdehnen wollen. Ich fühle, dass ich von dir getrennt bin. Du fühlst, dass du von mir getrennt bist. Darum fürchte ich mich vor dir und du fürchtest dich vor mir. Aber wenn wir das Höchste verwirklichen, empfinden wir sofort die Länge und Breite des Universums als unser eigen. Nur in der Ausdehnung können wir die Angst auslöschen. Wenn wir unser Bewusstsein ausdehnen, werden wir mit anderen eins. Wir fühlen, dass wir zu ihnen gehören und dass sie zu uns gehören. Wie können wir uns vor anderen Menschen fürchten, wenn wir die Göttlichkeit in der Menschheit verkörpern und die anderen dieselbe Göttlichkeit in der Menschheit verkörpern? Dann kann es keine Angst und keine Furcht geben.
Das strebende Herz kennt keine Furcht, aber das nicht strebende Herz fürchtet sich. Das strebende Herz besitzt eine Flamme, eine brennende Flamme, die zum Höchsten empor steigt. Wo Licht ist, kann es weder Furcht noch Angst geben. Doch um die Furcht im nicht strebenden Herzen zu überwinden, musst du direkt von der Seele Hilfe holen. Wenn du auf das Herzzentrum meditierst, versuche jedes Mal, wenn du einatmest, zu fühlen, dass du nach innen gräbst. Das ist kein gewaltsames Graben, sondern ein göttlich intensiviertes Gefühl in deinem Herzen, dass du tief, tief, tief nach innen gehst. Fühle jedes Mal, wenn du einatmest, dass du tief nach innen gehst. Wenn du dies regelmäßig tust, wirst du nach einigen Tagen oder Monaten unweigerlich ein leichtes Ziehen fühlen oder einen ganz zarten Klang hören. Wenn du den Klang hörst, versuche zu sehen, ob der Klang durch etwas verursacht wurde oder ob er spontan entsteht. Wir brauchen zwei Hände um zu klatschen, aber der Klang im Herzen wird nicht erzeugt, indem zwei Dinge aneinander schlagen; er entsteht automatisch, spontan. Wenn du diese Art von Klang im Innern spüren kannst, wie einen göttlichen Gong, dann wirst du unweigerlich Angst und Furcht in deinem nicht strebenden Herzen überwinden.

Ich habe das Gefühl, als ob ich viele Feinde im Leben hätte.

Sri Chinmoy: Wenn ich dich frage, wie viele Feinde du hast, wirst du sagen: „Einige.“ Aber ich muss sagen, dass du Unrecht hast. Du hast nur einen Feind, und das ist alles, obwohl es nach einer ganzen Menge aussieht. Dieser einzige Feind von dir ist Angst, deine unbewusst gehegte Angst. Du hast Angst vor dem inneren Leben. Du glaubst, dass du in dem Moment, wo du dich auf das innere Leben einlässt, verloren, völlig verloren sein wirst, wie ein kleines Kind im Wald. Du denkst vielleicht, dass du Luftschlösser baust, wenn du das innere Leben annimmst. Und schließlich magst du sogar das Gefühl haben, dass das innere Leben anzunehmen bedeutet, dein äußerst kostbares Leben in den Rachen eines brüllenden Löwen zu werfen, der dich und dein äußeres Leben völlig verschlingen wird.

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