Disziplin

Um ein Ziel zu erreichen, brauchen wir Disziplin. Sri Chinmoy zeigt, welche Rolle sie für unser inneres Leben spielt, wenn wir spirituellen Fortschritt machen und tiefere Erfüllung finden wollen.

Wie kann man ein diszipliniertes Leben führen?

Sri Chinmoy: Ein diszipliniertes Leben können wir nur durch eines erhalten, und das ist durch unser inneres Streben, durch unseren inneren seelenvollen Ruf. Wenn wir uns nach äußeren Dingen sehnen, erhalten wir sie manchmal und manchmal auch nicht. Aber wenn unser inneres Sehnen, unser innerer Ruf aufrichtig ist, sehen wir, dass Erfüllung immer erblüht. Ein Kind schreit nach Milch. Es schreit in seiner Wiege im Wohnzimmer. Die Mutter mag in der Küche sein, aber wo immer sie auch ist, sie kommt gelaufen, um dem Kind Milch zu geben. Und warum? Weil die Mutter spürt, dass das Schreien des Kindes natürlich und aufrichtig ist. Genauso besitzen wir im spirituellen Leben einen inneren Ruf. Wenn wir diesen inneren Ruf haben, spielt es keine Rolle, wann wir rufen. Es kann mittags sein, morgens oder abends. Zu jeder Stunde erreicht dieser innere Ruf Gott, und Gott ist gezwungen, diesen inneren Ruf zu erfüllen. Wenn jemand Disziplin möchte, wenn jemand mit seinem lockeren Lebenswandel unzufrieden ist und fühlt, dass er von einem disziplinierten Leben wahre Erfüllung, Vollkommenheit und Zufriedenheit erhalten kann, dann muss Gott diesem aufrichtigen Sucher unweigerlich helfen. Wenn ein seelenvoller innerer Ruf vorhanden ist, kann ihm nichts auf Erden verweigert werden. Keine Frucht kann jemandem vorenthalten werden, wenn er einen sehnsuchtsvollen inneren Ruf besitzt.
Als Menschen sehnen wir uns nach Ruhm und Ehre und vielen anderen Dingen. Aber wir sehnen uns nicht nach einem, welches von größter Bedeutung ist, und zwar nach Gottes innerem Reichtum. Was ist Sein innerer Reichtum? Sein Innerer Reichtum ist göttliche Erfüllung, göttliche Vollkommenheit. Kein Mensch ist vollkommen. Aber unser Ziel ist es, völlig vollkommen zu sein. Diese vollkommene Vollkommenheit kann nur von Selbstdisziplin kommen. Selbstdisziplin ist der Vorbote der Selbstentdeckung. Selbstentdeckung ist der Vorbote der Gottmanifestation.
Gott ist vollkommen bereit. Er wartet sehnlichst darauf, uns Seine vollkommene Vollkommenheit zu geben. Aber für diese vollkommene Vollkommenheit müssen wir zu einem aufstrebenden inneren Ruf werden, den wir inneres Streben nennen, beständiges inneres Streben. Wenn sich diese Flamme des inneren Strebens zum Höchsten erhebt, erleuchtet sie alles Dunkle ringsumher. Je höher sie empor steigt, desto größer und erfüllender ist unsere Manifestation.

Wie wichtig ist Disziplin im spirituellen Leben?

Sri Chinmoy: Als Ramdas noch ein Junge war, meditierten er und sein Guru Devadas Maharaj eines Nachts getrennt an verschiedenen Orten. Es schneite heftig und es war bitterkalt. Jeder hatte vor sich ein offenes Feuer, an dem er sich wärmen konnte. Ramdas meditierte einige Stunden lang, dann schlief er ein. Als er aufwachte, sah er, dass sein Feuer völlig erloschen war. Er war zu Tode erschrocken, da er wusste, dass sein Meister wütend sein würde, wenn er von ihm ein paar brennende Kohlen holen würde. Aber zur gleichen Zeit war es ihm unmöglich, die Kälte zu ertragen. Schließlich nahm er allen Mut zusammen und ging zu seinem Meister, um einige brennende Kohlen zu holen.
Devadas Maharaj kam aus seiner Trance heraus und beschimpfte Ramdas erbarmungslos. „Wer hat dich gebeten, deine Eltern und deine Familie zu verlassen, wenn Schlaf in deinem Leben so wichtig ist?“ schalt er. „Das ist meine letzte Warnung. Falls du noch einmal einschläfst, wenn du meditieren solltest, behalte ich dich nicht länger als meinen Schüler. Dann verdienst du es nicht, mein Schüler zu sein.“
Spiritualität bedeutet Disziplin. Disziplin bedeutet bewussten Fortschritt. Bewusster Fortschritt bedeutet die Transzendenz der Natur. Die Transzendenz der Natur des Menschen ist sein Gewahrsein seines unsterblichen Selbstes zur Erfüllung Gottes auf Gottes eigene Weise.
Disziplin ist immer unentbehrlich, ganz besonders am Anfang des spirituellen Abenteuers eines Suchers. Heute sprechen wir von Disziplin; morgen nennen wir dasselbe eine natürliche und spontane Gewohnheit. Die Vorwärtsbewegung von Heute bringt uns zur Tür von Morgen. Haben wir diese Tür erreicht, brauchen wir nicht einmal anzuklopfen. Der göttliche Eigentümer öffnet die Tür von innen und bittet uns hinein, um uns drei höchst bedeutsamen Freunden vorzustellen: der Schönheit der Ewigkeit, der Wonne der Unendlichkeit und dem Licht der Unsterblichkeit.

Welche Eigenschaften brauchen wir, wenn wir Selbstbeherrschung üben wollen?

Sri Chinmoy: Für Selbstbeherrschung brauchen wir Einfachheit, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit. Einfachheit muss die Selbstbeherrschung nähren. Aufrichtigkeit muss die Selbstbeherrschung nähren. Bescheidenheit muss die Selbstbeherrschung nähren. Wir können sagen, dass das Frühstück der Selbstbeherrschung Einfachheit ist, das Mittagessen der Selbstbeherrschung Aufrichtigkeit und das Abendessen der Selbstbeherrschung Bescheidenheit. Leider leben wir in einer Zeit, in der Selbstbeherrschung nicht geschätzt, sondern lächerlich gemacht wird. Jemand bemüht sich sehr um Selbstmeisterung, aber all seine Freunde, Nachbarn, Verwandten und Bekannten machen sich über ihn lustig. Sie halten die Art und Weise, wie sie ihr Leben leben, für normal. Wenn jemand versucht, sein Leben zu disziplinieren, ist er ihrer Ansicht nach ein Narr. Aber wer ist ein Narr? Jener, der sich selbst bezwingen möchte oder jener, der ständig Angst, Zweifel, Sorgen und Furcht zum Opfer fällt? Es erübrigt sich zu sagen, dass derjenige, der sich selbst bezwingen möchte, nicht nur der weiseste Mensch ist, sondern auch der größte göttliche Held. Soll die Welt nur etwas an dir auszusetzen haben. Soll dich die Welt nur auslachen. Deine Aufrichtigkeit ist dein Schutz. Deine spirituelle Disziplin wird dich zu deinem sicheren Ziel führen. Jeder hat die Fähigkeit und die Gelegenheit, ein König zu werden, wenn er es will. Wer ist ein König? Nicht derjenige, der über ein Land herrscht, sondern derjenige, der sich selbst beherrscht.

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