Himmel und Hölle

Himmel und Hölle sind keine Orte, sondern Zustände unseres Bewusstseins, die wir selbst beeinflussen. Doch wie gelangen wir in den Himmel, in „das Königreich inwendig in uns“? Wie erreichen wir den Zustand des Sat-Chit-Ananda – Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit?

Ist die Hölle wirklich ein Ort oder nur eine Bewusstseinsebene?

Sri Chinmoy:
Auf der höchsten spirituellen Ebene ist die Hölle, genau wie der Himmel, eine Ebene des Bewusstseins. Sowohl der Himmel als auch die Hölle beginnen in unserem Geist. In dem Moment, wo wir etwas Gutes denken, in dem Moment, wo wir beten und meditieren und versuchen, das innere Licht, das wir durch unsere Gebete und Meditationen empfangen haben, weiter zu geben, beginnen wir im Himmel zu leben. In dem Moment, wo wir schlecht von jemandem denken, betreten wir die Hölle. Den Himmel erschaffen wir und die Hölle erschaffen wir. Mit unseren göttlichen Gedanken erschaffen wir den Himmel. Mit unseren falschen, dummen, ungöttlichen Gedanken erschaffen wir die Hölle in uns. Himmel und Hölle sind beides Bewusstseinszustände tief in uns.
Himmel und Hölle verkörpern zwei Welten in unserem Bewusstsein. Der Himmel versetzt die Hölle mit seiner grenzenlosen Freude in Erstaunen. Die Hölle versetzt den Himmel mit ihrem endlosen Ruf in Erstaunen. Der Himmel sagt zur Hölle: „Ich weiß, wie man tanzt, und ich kann es dir zeigen, wenn du willst.“ Die Hölle sagt zum Himmel: „Wunderbar! Du weißt, wie man tanzt, und bist bereit es mir zu zeigen. Aber ich möchte dir sagen, dass ich weiß, wie ich mir die Beine brechen kann, und ich kann auch dir die Beine brechen, wenn ich will.“

Was hältst du von den Lehren in manchen westlichen Religionen, denen zufolge man Gott erst nach dem Tode sieht, wenn man gut gewesen ist und in den Himmel kommt?

Sri Chinmoy:
Der Himmel und Gott befinden sich nicht hoch über uns, irgendwo in weiter Ferne; sie sind tief in uns, in unserem Herzen. Der Himmel ist kein fernes Land, in dem es Bäume und Häuser und andere Dinge gibt. Er ist eine Bewusstseinsebene in uns. Die Sucher der ewigen Wahrheit werden ihren ewigen Himmel in ihren strebenden Herzen erkennen. In jedem Augenblick erschaffen wir in uns entweder den Himmel oder die Hölle. Wenn wir einen göttlichen Gedanken, einen sich ausdehnenden, erfüllenden Gedanken hegen, erschaffen wir den Himmel in uns. Wenn wir ungöttliche, hässliche, dunkle, unreine Gedanken hegen, betreten wir unmittelbar unsere eigene innere Hölle.

Könntest du bitte die Aussage „Das Königreich des Himmels ist inwendig in euch“ etwas näher erklären?

Sri Chinmoy:
Zuerst möchte ich feststellen, dass die Wissenschaft viel zu der Vorstellung beigetragen hat, dass der Himmel ein Ort außerhalb von uns ist. Die Wissenschaft hat mit ihrer Kraft auf die bewussten und unbewussten Ebenen menschlichen Denkens eingewirkt.
Das Königreich des Himmels ist etwas, das wir fühlen können, und nicht etwas, das wir beweisen können. Die Wissenschaft kann vieles beweisen. Aber das Königreich des Himmels ist eine Frage der eigenen inneren Errungenschaft. Wenn du das Königreich des Himmels in dir verwirklicht hast, werden andere dich anschauen und fühlen, dass du etwas Ungewöhnliches, Unirdisches und Erhabenes an dir hast. Nur weil du das Königreich des Himmels in dir gesehen, gefühlt und besessen hast, werden sie dich als völlig verwandeltes göttliches Wesen sehen und empfinden.
Natürlich ist es dein inneres Streben, dein emporsteigender innerer Ruf, der dich zu diesem Königreich des Himmels führt. Das Königreich des Himmels ist eine Ebene voller Frieden und Wonne. Wir fühlen es, wenn wir tief in uns ruhen und über unser egozentrisches individuelles Bewusstsein hinaus gehen. Je höher wir über unser begrenztes Bewusstsein hinaus steigen, desto schneller tauchen wir in unser tiefstes unendliches Bewusstsein ein, und desto vertrauter sehen, fühlen und besitzen wir das Königreich des Himmels in uns.
Um genau zu sein, ist das Königreich des Himmels mehr als einfach nur eine Bewusstseinsebene. Es ist eine Ebene göttlichen Bewusstseins, ein Zustand der Verwirklichung. Es verkörpert Sat-Chit-Ananda. Sat ist göttliches Sein, Chit ist göttliches Bewusstsein, Ananda ist göttliche Glückseligkeit. Wenn wir tief nach innen gehen, fühlen wir alle drei zusammen, und wenn wir die innere Schau erlangen, sie alle auf einmal wahrzunehmen, dann leben wir tatsächlich im Königreich des Himmels. Ansonsten ist Sein an einem Ort, Bewusstsein an einem anderen Ort und Glückseligkeit ganz woanders. Wenn wir Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit auf ein und derselben Ebene sehen und fühlen, so dass das eine das andere ergänzt und erfüllt, dann können wir sagen, dass wir im Königreich des Himmels leben. Ja, das Königreich des Himmels ist in uns. Wir können es nicht nur fühlen, sondern ohne den leisesten Zweifel auch dazu werden.

Wenn du sagst, dass die Erde leicht in den Himmel verwandelt werden kann, meinst du das auch physisch?

Sri Chinmoy:
Was besitzt jeder Mensch? Bewusstsein. Durch Bewusstsein sehen wir die Wirklichkeit. Wenn wir innerlich streben, wird unser endliches Bewusstsein unendlich; unser so genanntes unstrebsames Bewusstsein wird aufstrebend. Das ist der Himmel. Wenn wir sagen, dass wir alle göttlich werden, dann ist das sicherlich wahr. Wir alle haben ein göttliches Leben, doch das bedeutet nicht automatisch ein physisch unsterbliches Leben. Wenn wir an den Himmel denken, fühlen wir, dass er unsterblich ist. Das Bewusstsein des Himmels ist unsterblich. Aber sehr oft glauben wir, dass das Physische auch unsterblich sein wird, weil der Himmel unsterblich ist. Aber dieser physische Körper wird sechzig, achtzig, einhundert, vielleicht sogar zweihundert Jahre alt werden und dann vergehen.
Wenn wir uns den Himmel vorstellen, denken wir an etwas Helles, Leuchtendes, Glückseliges und gleichzeitig Unsterbliches. Aber wir müssen wissen, was in uns unsterblich ist. Es ist das Bewusstsein, das strebende Bewusstsein in uns. Wenn wir sagen, dass die Erde in den Himmel verwandelt werden wird, dann heißt das, dass alles, was in uns oder in der Welt jetzt unvollkommen, dunkel und unstrebsam ist, schließlich in Vollkommenheit verwandelt werden wird.

Inhalt abgleichen (C01 _th3me_)