Reinkarnation

Reinkarnation – die Wiedergeburt der Seele in einem neuen Körper – ist Teil der Evolution des Bewusstseins. Sri Chinmoy beantwortet eine Reihe sehr interessanter Fragen über die Wiedergeburt, über spirituelle Entwicklung, die Seele, vergangene Leben u.v.m.

 

Fragen

Was ist Sinn und Zweck der Reinkarnation?

Sri Chinmoy:
In einer Lebensspanne auf Erden können wir nicht alles tun. Wenn wir in der Welt der Wünsche bleiben, können wir niemals Erfüllung finden. Als Kinder haben wir Millionen von Wünschen, und selbst wenn wir siebzig Jahre alt werden, sehen wir, dass ein bestimmter Wunsch nicht erfüllt wurde und sind darüber unglücklich. Je mehr Wünsche wir erfüllen, desto mehr Wünsche haben wir. Wir wollen erst ein Haus, dann zwei Häuser, erst ein Auto, dann zwei Autos und so weiter. Es nimmt kein Ende. Wenn unsere Wünsche erfüllt sind, stellen wir fest, dass wir noch immer unzufrieden sind. Dann fallen wir anderen oder größeren Wünschen zum Opfer.
Unser Liebster ist Gott. Glaubst du, dass Gott es zulassen wird, dass wir unerfüllt bleiben? Nein! Gottes Ziel ist es, jeden einzelnen Menschen zu erfüllen und Sich selbst durch uns zu erfüllen. Er wird uns wieder und wieder zurückkehren lassen, damit unsere Wünsche erfüllt werden. Wenn jemand in dieser Inkarnation unbedingt ein Millionär werden will und er an seinem Lebensabend sieht, dass er immer noch kein Millionär geworden ist, dann wird er, sofern sein Wunsch wirklich intensiv ist, so lange zurück kommen müssen, bis er wirklich zum Millionär wird. Doch wenn er zum Millionär wird, wird er feststellen, dass er in gewissem Sinne ein Bettler geblieben ist, da er keinen inneren Frieden haben wird. Wenn er in die Welt inneren Strebens eintritt, mag er kein Geld haben, aber er wird inneren Frieden besitzen, und das ist sein wahrer Reichtum.
Wenn wir in der Welt der Wünsche leben, sehen wir, dass die Kette der Wünsche endlos ist. Doch wenn wir in der Welt inneren Strebens leben, sehen wir das Ganze, wir treten in das Ganze ein und schließlich werden wir zum Ganzen. Wir wissen, wenn wir Gott verwirklichen können, werden wir alles in Gott finden, denn alles existiert in Gott. Schließlich verlassen wir daher die Welt der Wünsche und treten in die Welt des inneren Strebens ein. Dort verringern wir unsere Wünsche und Begierden und denken zunehmend an Frieden, Glückseligkeit und göttliche Liebe. Es mag Jahre dauern, ein wenig Frieden, einen Tropfen Nektar zu erhalten. Doch ein spiritueller Mensch ist bereit, für unbestimmte Zeit auf Gottes Stunde zu warten, damit sein inneres Streben erfüllt wird. Und sein Streben danach, diesen Frieden, dieses Licht und diese Glückseligkeit zu erlangen, wird nicht vergeblich sein.
Wenn es nun unser Ziel ist, in das Höchste, das Unendliche, das Ewige, das Unsterbliche einzutauchen, wird eine kurze Lebensspanne natürlich nicht ausreichen. Doch auch hier wird Gott nicht zulassen, dass wir unerfüllt bleiben. In unserer nächsten Inkarnation werden wir unsere Reise fortsetzen. Wir sind ewige Reisende. Wir müssen weitergehen, weitergehen, bis wir unser Ziel erreichen. Vollkommenheit ist das Ziel jedes Menschen. Wir versuchen, uns in einer unvollkommenen Welt zu vervollkommnen. Doch diese höchste Vollkommenheit können wir niemals in einem Leben erlangen.
Durch inneres Streben und Evolution entfaltet die Seele ihr volles Potenzial, das Höchste zu verwirklichen und das Göttliche zu erfüllen. Das Physische - das Menschliche in uns - muss danach streben, mit dem Göttlichen in uns – der Seele – eins zu werden. Im Augenblick jedoch hört der Körper nicht auf die Gebote der Seele; mit anderen Worten, der physische Verstand rebelliert.
Die Aktivitäten des physischen Verstandes verdecken die göttliche Bestimmung der Seele, und die Seele kann nicht zum Vorschein kommen. Auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe sind die meisten Menschen unbewusst und wissen nicht, was die Seele will oder braucht. Sie haben Wünsche und Begierden, Erfolgsängste, Spannung und Erregung. All dies wurzelt im Vitalen oder kommt vom Ego, während alles, was mit dem Bewusstsein der Seele getan wird, nichts als reine Freude ist. Bisweilen mögen wir die Gebote unserer Seele oder die Botschaft unseres Gewissens hören, aber trotzdem tun oder sagen wir nicht das Richtige. Der physische Verstand ist schwach; wir sind schwach. Wenn wir jedoch beginnen, mit dem Verstand zu streben, und dann über den Verstand hinaus zur Seele gehen, können wir leicht die Gebote der Seele wahrnehmen und auf sie hören.
Der Tag wird kommen, an dem die Seele in der Lage sein wird, ihre göttlichen Eigenschaften hervor zu bringen und den Körper, den Verstand und das Herz die Notwendigkeit ihrer Selbst-Entdeckung fühlen zu lassen. Das Physische und das Vitale werden bewusst auf die Seele hören und von der Seele geleitet und geführt werden wollen. Dann werden wir hier im Physischen eine unsterblich gewordene Natur, ein unsterbliches Leben haben, denn unsere Seele wird völlig und untrennbar eins mit dem Göttlichen auf Erden geworden sein. Zu diesem Zeitpunkt werden wir unseren inneren Reichtum der ganzen Welt anerbieten und das Potenzial unserer Seele manifestieren. Sehr oft kann Verwirklichung in einer Inkarnation erlangt werden, doch für die Manifestation muss die Seele wieder und wieder auf die Erde herab kommen. Solange wir nicht die höchste Göttlichkeit in uns enthüllt und manifestiert haben, ist unser Spiel nicht vorbei. Wir haben unsere Rolle im Kosmischen Drama noch nicht vollendet, deshalb müssen wir wieder und wieder in die Welt zurückkommen. Im Laufe der Evolution wird die Seele jedoch in einer ihrer Inkarnationen das Göttliche im Physischen und durch das Physische vollständig verwirklichen und manifestieren.

Du sagtest, dass wir uns alle entwickeln und Fortschritt machen. Aber wo hat dieser ganze Prozess begonnen? Gab es einen Anfang?

Sri Chinmoy:
Wir sind aus Gottes Wonne ins Dasein getreten. Als wir in die Schöpfung eintraten, entwickelten wir uns durch die niederen Stufen: durch das mineralische Leben, das pflanzliche Leben, das tierische Leben. Obwohl wir jetzt die Stufe des menschlichen Lebens erreicht haben, sind wir noch immer halbe Tiere. Einige von uns wollen andere töten oder verletzen und zeigen alle möglichen tierischen und zerstörerischen Neigungen.
Aber im Falle eines spirituell Strebenden ist es anders. Er versucht, seine niedere Natur zu transzendieren, und strebt danach, sich seiner göttlichen Natur bewusst zu werden und in ihr zu leben, wo er Frieden, Freude und Liebe erfährt.
Am Anfang kamen wir aus der Wonne; jetzt wachsen wir in der Wonne, und schließlich werden wir bewusst in die Wonne zurückkehren.

Warum traten wir vom Licht in die Dunkelheit, als wir geboren wurden?

Sri Chinmoy:
Im Grunde kamen wir nicht aus dem Licht in die Dunkelheit, als wir die Welt betraten. Es ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. Jede Geburt ist ein Teil des Evolutionsprozesses. Jeder Mensch hat eine Seele. Die Seele tritt in die Materie ein und von dort aus strebt sie. Mutter Erde hat den inneren Drang, das Bestreben, eins zu werden mit dem Höchsten, mit dem kosmischen Selbst, und eines Tages werden alle Menschen auf der Erde mit dem Höchsten Geist eins werden. Dies ist ein Entwicklungsprozess, der zu vollkommener Vollkommenheit führt. Manche Leute werden sagen, dass Gott überall ist; Gott ist in uns und Gott ist gleichermaßen in einem Dieb. Wenn Er nicht in der Schöpfung, sondern jenseits der Schöpfung ist, ist Er reines Licht und genießt das Licht des Jenseits. Wenn Er jedoch in die Manifestation eintritt, will Er sich auf millionenfache Weise erfreuen. Das kosmische Selbst will sein Kosmisches Spiel in jedem Menschen und in jedem Geschöpf hier auf Erden erfüllen. Dafür schreitet die Evolution voran.
Unsere Seele ist reines Licht. Aber die Atmosphäre auf der Erde strebt nicht. Wenn jemand geboren wird, sieht er als erstes ringsumher Unwissenheit und Illusion. Auf der höchsten Ebene sind wir alle vollkommen, aber jetzt, auf der materiellen Ebene, erfahren wir das Spiel der Unwissenheit. Während unserer Meditation erheben wir unser Bewusstsein ein Stück weit und finden uns Hunderte von Meilen über dem Dornenbett. Wenn wir jedoch dort bleiben, wohin uns unsere Meditation trägt, über den Dornen, und wenn wir uns zugleich nach Vollkommenheit sehnen, dann wird unsere Sehnsucht nur zum Teil erfüllt. Dann essen wir nicht die ganze Frucht. Gott ist in allem. Er muss auch auf der materiellen Ebene verwirklicht werden.
In der höchsten Philosophie ist das, was wir Nacht nennen, keine absolute Nacht. Es ist auch etwas Licht darin. Ein verwirklichter Mensch hat natürlich mehr inneres Licht als ein Mensch, der nicht verwirklicht ist. Die Welt wird sagen, dass ein unverwirklichter Mensch voller Unwissenheit ist, weil er Gott nicht verwirklicht hat. Wir vergleichen einen Menschen immer mit einem anderen. Aber in Wirklichkeit wachsen wir von wenig Licht in mehr Licht, in unermessliches Licht hinein, jeder entsprechend seinem eigenen Verständnis und seiner eigenen Fähigkeit. Was wir Nacht nennen, ist auch Licht, nur in unendlich kleiner Form. Weil wir vorwärts gehen, sehen wir den Unterschied zwischen strahlendem Licht und dunkelster Nacht. Genau genommen ist in allem Licht. Unser menschliches Verständnis lässt uns beides sehen, Licht wie Dunkelheit. Doch vom höchsten Standpunkt aus sollten wir immer fühlen, dass wir von Licht zu mehr Licht und zu unermesslichem Licht wandern.

Warum glaubst du an Wiedergeburt? Ich weiß sehr gut, dass ich zu Gott gehen werde, wenn ich sterbe. Und das ist alles.

Sri Chinmoy:
Mein Freund, so wie du zu Gott gehen wirst, wenn du den Körper verlässt, so werde auch ich es tun. Unsere Sache ist es, zu Gott zu gehen; es ist Gottes Sache, ob Er dich im Himmel behalten und mich zur Erde zurückschicken will, oder umgekehrt. Das Beste für uns ist, uns Gott zu überantworten und es Ihm zu überlassen, uns auf Seine eigene Weise zu erfüllen. Lassen wir alle vorgefassten Ideen über die Existenz oder Nichtexistenz der Wiedergeburt beiseite und tun wir das Einzige, das von Bedeutung ist: mit Seinem Willen und Bewusstsein eins zu sein.

Gibt es Reinkarnation an sich oder ist sie nur eine religiöse Überzeugung des Hinduismus?

Sri Chinmoy:
Es gibt Religionen, die den Glauben an Reinkarnation annehmen, während andere Religionen es nicht tun. Die Hindu-Religion glaubt an Reinkarnation. Aber Reinkarnation selbst hat mit Hinduismus oder irgendeiner anderen Religion sehr wenig zu tun.
Was ist Reinkarnation? Reinkarnation bedeutet, dass die Seele in einem neuen Gewand in die Welt tritt. Wir tragen im Augenblick Kleider, aber wir können sie zu jeder Zeit ablegen. Wir können frei darüber verfügen. Ähnlich ist es, wenn die Seele feststellt, dass der Körper nicht mehr fähig ist, die höchste Wahrheit zu empfangen, oder wenn sie findet, dass der Körper Ruhe braucht, oder wenn die Seele fühlt, dass Gott möchte, dass sie den Körper verlässt, dann verlässt sie ihn; und wenn Gott will, dass die Seele in einen neuen menschlichen Körper eintritt, dann tut sie es. Ich möchte hinzufügen, dass das Konzept der Reinkarnation nicht nur eine hinduistische Vorstellung oder eine hinduistische Philosophie oder eine hinduistische Betrachtungsweise des Lebens ist, sondern eine Wahrheit, von der viele, viele Menschen im Westen überzeugt sind.
In der Gita, einem unserer heiligsten Bücher, das manchmal auch die Bibel Indiens genannt wird, finden wir einen wunderschönen Vers über Reinkarnation, den ich hier zitieren möchte.
(Sri Chinmoy chantet Vers 22, Kapitel 2 der Bhagavad Gita in Sanskrit)
„So wie ein Mensch seine alten und abgetragenen Kleider ablegt und neue anlegt, so legt die Seele diesen Körper ab und wandert von Körper zu Körper.“
Das ist, was wir vom spirituellen Standpunkt des Hinduismus aus Reinkarnation nennen.

Warum kommen manche verwirklichten Seelen zur Erde zurück und andere nicht?

Sri Chinmoy:
Du freust dich, wenn ich dich bitte, etwas für mich zu tun, für mich zu arbeiten. Ich erhalte Freude, wenn ich dich bitte, für mich zu arbeiten, aber auch, wenn ich dich bitte, nicht zu arbeiten. Genauso ist es bei den spirituellen Meistern. Der Supreme bittet manche Seelen, für Ihn auf Erden zu arbeiten, und andere nicht. Manche Seelen wollen die Göttlichkeit nicht auf der Erde manifestieren, wenn sie Gott verwirklichen, und mit Gottes Zustimmung bleiben sie in der Welt der Seele. Aber jene, die manifestieren wollen, sind wie göttliche Soldaten. Sie kommen wieder und wieder herab und arbeiten für den Supreme für die Transformation der Menschheit. Für diese Seelen ist Manifestation immer notwendig. Sie fühlen, dass Verwirklichung nutzlos ist, wenn keine Manifestation stattfindet.

Legt die Seele ein Versprechen ab, bevor sie sich inkarniert?

Sri Chinmoy:
Bitte vergiss nicht dein großes Versprechen an Gott. Bevor du in die Welt kamst, bevor du die menschliche Hülle anlegtest, versprachst du Gott, deinem süßen Herrn, mit aller Aufrichtigkeit, die dir zur Verfügung stand, dass du an Seinem Göttlichen Drama teilnehmen würdest. Er sagte zu dir: „Mein Kind, erfülle Mich und erfülle damit gleichzeitig dich selbst auf Erden.“ Du antwortetest: „Vater, ich werde es tun. Möge mein seelenvolles Versprechen Deines mitleidsvollen Befehls würdig sein.“

Wer warst du in deiner letzten Inkarnation?

Sri Chinmoy:
In meiner allerletzten Inkarnation war ich ein spiritueller Meister in Indien mit nur einer Handvoll äußerst seelenvoller und ergebener Schüler. In jener Inkarnation lebte ich in äußerster Einfachheit, vielleicht sollte ich sogar sagen, Askese. Obwohl ich der Welt meinen inneren guten Willen anerbot, bestand meine Rolle in jenem Leben nicht darin, in der Welt zu arbeiten, sondern mich auf meinen eigenen spirituellen Fortschritt zu konzentrieren, sowie auf den einiger herausragender Schüler. Für die Transformation des Erdbewusstseins sind sowohl Gottes Gerechtigkeit als auch Sein Mitleid notwendig. In meiner letzten Inkarnation gebrauchte Gott Sein Gerechtigkeitslicht für mich, in mir und durch mich stärker als Sein Mitleidslicht. In der jetzigen Inkarnation ist es genau umgekehrt. Im Augenblick ist es Gottes Mitleid, das die größere Rolle dabei spielt, zahllose Gottsucher durch mich zu inspirieren, zu erheben, zu erleuchten und zu erfüllen.

Hast du also deine gegenwärtige Lebensaufgabe selbst gewählt?

Sri Chinmoy:
Nein, ich habe meine Lebensaufgabe nicht selbst gewählt. Mein Innerer Führer befahl mir, jenen zu dienen, die meine innere Führung wollen und brauchen, und ihr spiritueller Lehrer zu sein. Es gibt viele Gottsucher auf der ganzen Welt, die einen spirituellen Lehrer suchen.

Und wer wirst du in deiner nächsten Inkarnation sein?

Sri Chinmoy:
Was zukünftige Leben betrifft, so hat mir mein geliebter Supreme wiederholt gesagt, dass diese Inkarnation für mich unmissverständlich das Ende meiner irdischen Pilgerreise bedeutet. In Zukunft werde ich meinen Höchsten Herrn von den inneren und höheren Welten aus auf Seine eigene Weise lieben, Ihm dienen und Ihn zufrieden stellen.

Wenn sich die Seele wieder inkarniert, wird sie dazu gezwungen oder hat sie das Privileg, diese Entscheidung selbst zu treffen?

Sri Chinmoy:
Wenn die Seele den Körper verlässt, geht sie allmählich in ihr eigenes Reich zurück, nachdem sie die physische, die vitale, die mentale und die psychische Hülle abgelegt hat. Niemand kann die Seele zwingen, sich wieder zu inkarnieren, außer dem Supreme. Der Supreme hat die Macht, die Seele zu zwingen, aber Er tut es nicht. Der Supreme zwingt niemanden, irgendetwas zu tun. Die Seele hat einen inneren Drang, das Göttliche hier auf Erden zu erfüllen. Manche Seelen wollen für einige Jahre eine Pause einlegen, sagen wir, für zwanzig, vierzig oder sechzig Jahre, während andere, die nicht so entwickelt und voller irdischer Begierden sind, und die ihre zahllosen unerfüllten Begierden erfüllen wollen, eher in die physische Welt zurückkehren. Sie werden hier auf der Erde natürlich nichts Spirituelles erfüllen. Sie kehren nur in die Welt der Manifestation zurück, um ihre zahllosen menschlichen Wünsche und Begierden zu erfüllen.
Die Seele wird, wie schon gesagt, nicht gezwungen, sich wieder zu inkarnieren; aber wenn eine Seele herabsteigen will, erforscht sie zuvor die Familie, die Umgebung, die äußeren Umstände und einige andere Dinge. Bevor die Seele wirklich in die Familie eintritt, hat sie eine persönliche Unterredung mit dem Supreme. Dann stimmt der Supreme entweder der Entscheidung der Seele zu oder Er duldet sie lediglich. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Zustimmen und Dulden. Ich bin sicher, dass du dir dessen bewusst bist.
Dann gibt es einige Seelen, die genug von den irdischen Erfahrungen haben, das heißt von Leiden und Enttäuschungen. Diese Seelen legen in der Regel den Schwur des Nirwana ab. Sie kommen nicht wieder herab. Sie bleiben in der großen Leere. Andere strebende Seelen jedoch wollen keine Niederlage hinnehmen. Sie werden zurückkehren, um trotz ihrer wiederholten Niederlagen den göttlichen Sieg zu erringen. Diese Seelen werden so lange kommen und gehen, bis der göttliche Sieg vollständig auf Erden errichtet ist.
Noch etwas möchte ich hinzufügen. Die Seele wird nicht gezwungen. Der menschliche Vater sagt vielleicht zu seinem Sohn: „Du bist mein Sohn. Du musst auf mich hören.“ Aber der Höchste Vater tut das nicht. Nur das unwissende menschliche Wesen erteilt Befehle. Je höher wir gelangen, desto klarer wird uns das. Normalerweise legt der Supreme in unser Bewusstsein hinein, was wir nach Seinem Willen tun sollen, damit Er Sich auf unendliche Weisen in und durch uns erfüllen kann. Zwang gibt es nur in dieser Welt, nicht in den höheren Welten. Es ist der innere Drang, der die Seele dazu bewegt, sich zu inkarnieren, und keine äußere Kraft. Mein Vater, der Unendliche, ist das mitleidsvollste Wesen sowohl auf Erden als auch im Himmel. Es ist meine grenzenlose Pflicht, Ihn hier auf Erden und dort im Himmel zu erfüllen. Und schließlich muss ich erkennen, dass ich, indem ich Ihn erfülle, mich selbst unfehlbar, vollständig, göttlich und erhaben erfülle.

Die Religion hat uns gesagt, dass wir aus dem Geist gekommen sind und am Ende unserer gegenwärtigen Inkarnation in den Geist zurückkehren. Wenn wir nun zu unserem Vater zurückkehren, was ist dann der Nutzen von Reinkarnation, Verwirklichung usw.?

Sri Chinmoy:
Es gibt viele Religionen auf der Erde, die an Reinkarnation glauben. Reinkarnation ist eine unbestreitbare Tatsache. Lass mich dir kurz erklären, was wir unter Reinkarnation verstehen. Du spielst ein Spiel, aber du kannst es nicht ewig spielen. Du kannst nicht vierundzwanzig Stunden am Stück spielen, du musst ab und zu ausruhen. Auf ähnliche Weise versuchen wir im Verlauf der Evolution durch eine lange Reihe von Inkarnationen hindurch, das Spiel zu vollenden. Dieses göttliche Spiel, das wir alle spielen, wird Lila genannt. Wir können dieses Spiel während einer Lebensspanne nicht in seiner ganzen Fülle vollenden. Außerdem spielen wir das Spiel nicht auf göttliche Weise. Wir haben das Ziel noch nicht erreicht. Unser Ziel liegt noch immer in weiter Ferne. Wenn du nun das unendliche Bewusstsein deines Vaters auf Erden verkörpern willst, und wenn du deinen Vater offenbaren und manifestieren willst, dann musst du Sein Göttliches Spiel der Reinkarnation spielen. Es gibt keinen anderen Weg. Wenn wir nach jeder Lebenszeit zu Ihm gehen, dann ist es nur für eine Ruhepause.

Es gibt viele Bücher über Reinkarnation auf dem Markt, die man kaufen kann. Aber sind die Gesetze der Reinkarnation etwas, das mit dem Intellekt verstanden werden kann?

Sri Chinmoy:
Die Gesetze der Reinkarnation können niemals mit dem Intellekt verstanden werden. Nachdem man die letzte Wahrheit verwirklicht hat, kann man nicht nur die Gesetze der Reinkarnation verstehen, sondern das ganze Bild des Systems der Reinkarnation von Anfang bis Ende erfassen. Um die Gesetze der Reinkarnation zu verstehen, muss man in das Reich der Seele eintreten und darin verweilen. Man muss weit über den Bereich des Intellekts hinaus gehen. Durch das Studium von Büchern, selbst wenn es Millionen von Büchern über Reinkarnation sind, kann man nicht in das Reich der Seele eintreten. Um in das Reich der Seele einzutreten, muss man innerlich streben und meditieren. Was man mit dem Intellekt verstehen kann, sind lediglich bestimmte unbedeutende Prinzipien im grenzenlosen Bereich der Reinkarnation.

Gibt es eine spezielle Evolution für fortgeschrittene Seelen?

Sri Chinmoy:
Ein heiliger Mensch kann in seiner nächsten Inkarnation ein Yogi werden und danach ein echter spiritueller Meister. In jedem Leben wird er sein Potenzial weiter vergrößern. Jedes Mal wird er kraftvoller und kann so die Unwissenheit stärker herausfordern und transformieren.
Am Anfang, als heiliger Mensch, fürchtet er sich und will die Unwissenheit nicht herausfordern. Er fühlt, dass er seine Reinheit und Göttlichkeit verlieren wird. Wenn er jedoch ein spiritueller Meister geworden ist, fürchtet er sich in keiner Weise mehr, sondern weiß, dass er es wagen kann, die Unwissenheit anzunehmen, da er nun die Fähigkeit hat, sie zu transformieren. Sogar ohne sie zu berühren, kann er die Unwissenheit in das universelle Bewusstsein werfen und die Natur der Menschheit verwandeln. Er beginnt als ein heiliger Mensch. Hier gewinnt er an Stärke, und seine Kraft nimmt in unendlichem Maße zu. Jedes Mal, wenn sie zunimmt, wird er zu einer größeren Manifestation, einer größeren Vollkommenheit, einer größeren Erfüllung des Supreme.

Muss sich ein Mensch in jeder Inkarnation weiterentwickeln?

Sri Chinmoy:
Jede Inkarnation ist dafür gedacht, dass wir Fortschritt machen. Du kannst einen Schritt, zehn Schritte oder zehn Millionen Schritte gehen. Fortschritt hängt davon ab, wie viel inneres Streben du besitzt. Jede Inkarnation bedeutet, dass die Seele die Weltarena betritt, um etwas zu manifestieren. Die Seele tritt in das Physische ein. Sie hat Gott ein glühendes Versprechen gegeben, doch wegen irdischer Vergnügungen und menschlicher Unwissenheit fällt es der Seele sehr schwer, Fortschritt zu machen. In jedem Leben tritt die Seele in das Physische ein mit einem aufrichtigen Wunsch: vorwärts zu gehen. Dafür ist jede Inkarnation gedacht. Allerdings gelingt es manchen Menschen nur mit größter Mühe, einen Schritt zu machen, während andere zahllose Schritte machen können. Aber jede Inkarnation ist für schrittweisen Fortschritt gedacht.

Hast du die göttliche Kraft, die Anzahl unserer zukünftigen Inkarnationen zu verringern?

Sri Chinmoy:
Die meisten meiner aufrichtigen, sich dem spirituellen Leben widmenden Schüler haben bereits solchen Fortschritt im spirituellen Leben gemacht, dass sie die Notwendigkeit einiger Inkarnationen schon ausgelöscht haben. Erstklassige Schüler haben bereits solchen Fortschritt gemacht, dass sie zwar noch einige Inkarnationen brauchen werden, um Gott zu verwirklichen, aber dennoch viel früher verwirklicht sein werden, als sie es sonst wären.
Es hängt davon ab, wie schnell du läufst. Wenn du ein langsamer Läufer bist, wirst du vierzig oder fünfzig Sekunden brauchen, um 100 Meter zu laufen. Aber ein erstklassiger Läufer wird es in elf Sekunden schaffen, weil er die Fähigkeit hat, schneller zu laufen. Wenn jemand bereit ist, von einem Trainer oder Lehrer zu lernen, wird er natürlich am schnellsten laufen. Doch wenn jemand nicht übt oder die Anweisungen des Trainers nicht annimmt, wie will er dann so schnell laufen wie jemand, der es tut? Geschwindigkeit ist also von größter Bedeutung. Bei einem Rennen geht es lediglich um zehn oder zwanzig oder dreißig Sekunden. Im spirituellen Leben jedoch geht es um zehn, zwanzig, vierzig oder sechzig Inkarnationen. Wenn du so schnell wie möglich läufst, wenn ein spiritueller Meister in dein Leben tritt, dann hast du in dem Moment eine goldene Gelegenheit. Alle spirituellen Meister haben gesagt, wenn spirituelle Größen herab kommen, ist es wie bei einem Ozeandampfer, der viele Menschen sehr schnell befördern kann. Der individuelle Sucher ist wie ein winziges Boot, das jeden Augenblick kentern kann.

Ist es möglich, dass dies meine letzte Inkarnation ist? Ich bin durch so viel Leid gegangen, dass ich nicht wieder zurückkommen möchte.

Sri Chinmoy:
Du bist nicht der einzige Mensch auf Erden, der leidet. Es gibt Milliarden von Menschen auf Erden, die sagen werden, dass sie leiden, wenn du sie fragst. Aber du wirst trotzdem zurück kommen. Gott ist sehr schlau. Er will, dass Sein Spiel weiter und weiter geht. Solange Er nicht sieht, dass du Sein Spiel außerordentlich gut spielst, dass heißt, solange du Ihn nicht verwirklicht hast, wird Gott dir nicht erlauben, dich zurückzuziehen. Selbst nachdem du Gott verwirklicht hast, wirst du vielleicht noch arbeiten müssen.
Andererseits, wer bin ich, dass ich dir sagen könnte, dies sei deine letzte Inkarnation? Wenn ich ja sage, wird es Probleme geben, und wenn ich nein sage, wirst du wirklich unglücklich sein. Deshalb werde ich nichts sagen. Lass uns nur unsere Gebete Gott darbringen, damit Er das Leiden von der Erde nehmen möge.

Wenn ich in einer anderen Inkarnation zur Erde zurückkehren muss, wer wird sich dann um meine Seele kümmern? Wenn du nicht mehr in diese Welt kommst, wirst du dann jemand anderen bestimmen, der sich um mich kümmert?

Sri Chinmoy:
Ich werde nicht mehr zurückkommen. Ich habe meine Rolle gespielt. Wenn das Spiel einmal beendet ist, spielst du nicht noch einmal. Wenn du in einem Spiel deine Rolle spielst, verlierst du manchmal das Spiel und manchmal gewinnst du es. Aber dir wird nur wichtig sein, dass du deine Rolle gespielt hast. In deinem Falle ist das Wichtigste zu fühlen, ob du in dieser Inkarnation ein untrennbares Einssein mit meiner Seele erlangt hast oder nicht. Im gewöhnlichen menschlichen Leben kennen wir das Band zwischen Mutter und Sohn. Du bist in Puerto Rico und dein Sohn ist vielleicht in New York. Doch obwohl du hier im Büro arbeitest, ist dein Herz bei deinem Sohn, der in New York an der Universität studiert. Sein Herz ist auch bei dir, bei seiner Mutter. Von New York aus gelangt die Botschaft seiner ganzen Zuneigung, Liebe und Anteilnahme zu deinem Herzen. Sogar menschliche Liebe, ein menschliches Band, kann tausende von Meilen überwinden. Dein menschlicher Körper wird vielleicht siebzig oder achtzig Jahre auf Erden bleiben. Und in diesem Körper hast du etwas, dass wir Herz nennen, und das die Entfernung von Tausenden von Meilen überwindet! Das ist dein Anerbieten und sein Anerbieten.
Auf der spirituellen Ebene repräsentiert der Lehrer Gott. Seine Seele ist unendlich viel mehr erleuchtet als die Seelen seiner Schüler. Aber die Seele jedes Schülers möchte genauso erleuchtet sein wie die Seele des Meisters.
Es ist äußerst wichtig für den Schüler, ein echtes Gefühl, ein strahlendes Gefühl von Einssein mit dem Meister aufzubauen. Wenn der Schüler Gott in dieser Inkarnation nicht verwirklicht, dann wird es eine sichere, direkte und schnelle Verbindung zwischen diesem Schüler und seinem Meister geben. Dann kann der Schüler in der nächsten Inkarnation oder in ein oder zwei Inkarnationen das Höchste, das Absolute verwirklichen.
Jeder muss Gott verwirklichen. Du magst sagen, dass du nichts essen willst. Aber es gibt etwas, das du eines Tages essen musst, und das ist die Frucht vom Baum der Verwirklichung. Andere Nahrung kannst du verweigern, aber Verwirklichungs-Nahrung wirst du nicht verweigern können. Gott wird sagen: „Nun gut, wenn du nicht essen willst, dann iss nicht, aber diese Nahrung, die Verwirklichungs-Nahrung, musst du früher oder später zu dir nehmen, in dieser Inkarnation oder in zehn Inkarnationen.“
Wenn dein Meister im Physischen weilt, ist das die größte Gelegenheit, weil dein physischer Verstand zu dieser Zeit überzeugt sein wird. Wenn ein spiritueller Meister auf die Erde herabsteigt, erhältst du die größte Gelegenheit. Ramakrishna pflegte zu sagen: „Die Kuh ist schon da. Die Kuh hat Milch, aber wo befindet sich die Milch tatsächlich? Im Euter. Wenn du die Kuh melkst, dann solltest du nicht versuchen, die Milch vom Bein der Kuh oder vom Schwanz der Kuh oder vom Ohr der Kuh zu erhalten. Dort findest du keine Milch.“ Genauso ist auch göttliche Glückseligkeit überall. Aber es gibt eine Zeit, zu der unendliche Gnade und unendliches Mitleid bewusst und beständig herab kommen können. Und das ist, wenn ein spiritueller Meister auf die Erde kommt.

Ist es möglich, sich an Details früherer Inkarnationen zu erinnern?

Sri Chinmoy:
Die Seele kann sich leicht an ihre vergangenen Inkarnationen erinnern, aber sie möchte das gar nicht. Nehmen wir an, dass du in einer vergangenen Inkarnation in Connecticut gelebt hast, und heute lebst du in Puerto Rico. Warum sollte es dir wichtig sein, jeden Tag daran zu denken, wie dein Haus in Connecticut aussah oder wie viele Zimmer es hatte? Für dich ist jetzt wichtig, in deinem gegenwärtigen Haus in Puerto Rico zu leben. Wenn dich jemand fragt, wo du lebst, wirst du sagen: „Ich lebe in Puerto Rico.“ Und wenn dich jemand fragt, wie viele Zimmer in deinem jetzigen Haus sind, wirst du sofort an dieses Haus denken und nicht an dein früheres.
Bitte richte deine Aufmerksamkeit nicht auf die Vergangenheit. Du hast jetzt deine eigene Arbeit zu tun. Deine Aufgabe ist es, die Eigenschaften zu manifestieren, die Gott dir gegeben hat. Das kannst du nur hier und jetzt tun. Der Seele ist der Körper nicht wichtig, in dem sie in einer vergangenen Inkarnation lebte. Die Seele kann sich zwar daran erinnern, dass sie in einer vergangenen Inkarnation bessere Umstände, eine bessere Umgebung und bessere Gelegenheiten hatte. Aber im Grunde wird sich die Seele nicht darum kümmern. Sie möchte einfach Gott auf Seine eigene Weise erfüllen.
Du hast dein Schicksal angenommen. Du wirst hier in Puerto Rico arbeiten und studieren. Die Seele verhält sich genauso. Sie sagt: „Jetzt bin ich in diesem Körper. Lass mich weiter manifestieren, so gut ich kann. Es wird meine Probleme nicht lösen, wenn ich daran denke, was ich in der Vergangenheit hätte tun können. Nur das, was ich jetzt tue, kann alle meine Probleme lösen.“
Wenn du rückwärts gehst, ist das Zeitverschwendung. Unser Ziel liegt vor uns, nicht hinter uns. Die Seele kümmert sich nicht um die Vergangenheit. Sie möchte nur das Ziel erreichen. Gott-Verwirklichung liegt vor uns, nicht in unserer Vergangenheit.

Haben alle Seelen Hunderte oder Tausende von Inkarnationen, bevor sie Verwirklichung erlangen?

Sri Chinmoy:
Ja, nur die spirituellen Meister nehmen nicht so viele Inkarnationen an. Es gibt einige Ausnahmen unter den spirituellen Meistern, aber die meisten von ihnen wollen nicht durch so viele Inkarnationen gehen.

Wird die Welt letztendlich ein besserer Ort werden infolge der Evolution, die durch die Reinkarnation stattfindet?

Sri Chinmoy:
Die Welt entwickelt sich ständig und macht beständig Fortschritt, bewusst oder unbewusst. Es ist wie bei einem Samen, der sich zu einer Pflanze entwickelt und dann zu einem Baum heranwächst. Es gab eine Zeit, wo wir im Mineralreich waren, dann im Pflanzenreich, dann im Tierreich. Nun sind wir Menschen, aber wenn wir wirklich aufrichtig sind, werden wir sehen, dass wir trotz unseres bewussten, entwickelten Verstandes noch immer nicht unsere tierischen Neigungen und Eigenschaften abgelegt haben. Wir sind immer noch halbe Tiere, die miteinander streiten und kämpfen. Aber ein Tag wird kommen, da es göttliche Menschen auf Erden geben wird. Wir werden sie so sehen, wie wir jetzt Menschen vor uns sehen.

Wie kann ein spiritueller Meister wie du andere, die nicht an Reinkarnation glauben, davon überzeugen, dass es sie wirklich gibt?

Sri Chinmoy:
Wenn mich jemand bitten würde, ihn davon zu überzeugen, dass er frühere Leben gehabt hat, dann könnte ich es ihm beweisen, selbst wenn er nicht an Reinkarnation glaubt. Ich würde ihn bitten, mit mir einige Minuten lang zu meditieren, und ich würde in ihn eintreten und seine letzte Inkarnation zum Vorschein bringen. Ich würde das Bild von einer oder zwei seiner früheren Tätigkeiten auf solche Weise wachrufen, dass der Betreffende lebendig erfahren würde, was er in dieser vergangenen Inkarnation war. Das habe ich schon einige Male getan. Aber manchmal ist es nicht richtig, dass jemand seine vergangenen Inkarnationen kennt, und dann sage ich es auch nicht.
Einer meiner ergebensten Schüler fragte mich eines Tages nach seiner letzten Inkarnation. Ich sagte ihm, dass er in seiner letzten Inkarnation ein Fährmann in Japan gewesen sei. Und ich sagte ihm, dass er tief nach innen gehen könne, um es zu sehen. Ich hatte meinen Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da sah er bereits selber, dass er ein Fährmann gewesen war. Aber wenn jemand arrogant ist und nicht daran glaubt - und es gibt Leute, die es nicht glauben werden, wenn man über Reinkarnation spricht – muss man sich fragen, ob es sich lohnt, sie von der Vergangenheit zu überzeugen. Wenn sie mit ihrer eigenen Vorstellung, dass es keine Reinkarnation gibt, zufrieden sind, dann lass sie damit zufrieden sein. Wer ist letzten Endes der Verlierer?

Wenn jemand ein gutes Leben führt und Nirwana erreicht, heißt das, dass er sich nicht mehr zu inkarnieren braucht?

Sri Chinmoy:
Reinkarnation bedeutet nicht, dass jemand, der etwas Gutes oder Göttliches tut, nicht mehr zurück kommen wird, und jemand, der schlechte und falsche Dinge tut, zurück kommen wird. Nein, jeder wird in die Welt zurückkommen, aber jemand, der Gutes tut, wird in seiner nächsten Inkarnation natürlich ein besseres Leben führen als jemand, der Schlechtes tut.
Nirwana ist der Pfad der Verneinung. Jene, die dem Pfad des Nirwana folgen, wollen in der höchsten Glückseligkeit verweilen. Diese Menschen wollen sich nicht wieder inkarnieren. Wenn sie in das Nirwana eintreten, endet dort ihre Reise. Die Seele fühlt, dass sie nicht mehr weiter gehen oder laufen will. Sie möchte nicht mehr in irdische Angelegenheiten verwickelt sein.
Aber es gibt auch Seelen, die eine bewusste Rolle in Gottes Lila oder göttlichem Spiel spielen wollen. Sie wissen, dass Reinkarnation absolut notwendig ist für jene, die Gott auf Erden dienen wollen. Man muss Gott auf der Erde verwirklichen; auf keinem anderen Planeten, auf keiner anderen Ebene kann es Verwirklichung geben. Nach der Verwirklichung legen manche dann das Versprechen ab, dass sie zurück kommen werden, so wie Swami Vivekananda und Sri Ramakrishna, die beide sagten, dass sie bereit wären zurückzukehren, solange es noch einen einzigen unverwirklichten Menschen auf Erden gäbe.

Kann sich die Seele nach dem Tode in anderen Welten inkarnieren?

Sri Chinmoy:
Die Seele, die in einen menschlichen Körper eingetreten ist, kann sich und wird sich nicht in anderen Welten inkarnieren. Die Seele kann durch andere Ebenen gehen: durch die physische, vitale, mentale und psychische Hülle. Sobald die Seele den Körper verlässt, durchwandert sie diese Ebenen auf dem Weg zu ihrem eigenen Reich. Aber sie inkarniert sich dort nicht. Die Seele passiert nur diese Ebenen, die ein Teil ihrer Entdeckungsreise sind. Sie besucht diese Orte, aber sie inkarniert sich nicht dort. Die Seele inkarniert sich nur in der physischen Welt auf Erden. Hier allein muss die Seele ihre Göttlichkeit manifestieren.
Es gibt sieben höhere Welten und sieben niedere Welten, und während des Schlafes oder während der Meditation reist jede Seele in diese anderen Regionen. Sie kann eine Welt nach der anderen durchqueren und zur höchsten Welt empor steigen, oder aber sie kann auch durch die niederen Ebenen gehen.
Ein gewöhnlicher Mensch ist nicht in der Lage, die Seele zu sehen oder die Bewegungen der Seele zu fühlen, doch ein großer spiritueller Sucher oder ein spiritueller Meister kann erkennen, was die Seele tut und auf welcher Ebene die Seele sich befindet. Aber Reinkarnation findet nur hier auf der Erde, in dieser Welt statt.

Würdest du bitte erklären, wie es kommt, dass sich die Seele nur auf dem Planeten Erde entwickelt?

Sri Chinmoy:
Die Seele manifestiert sich nur auf diesem Planeten, weil sich dieser Planet in Evolution befindet. Evolution bedeutet ständigen Fortschritt, ständige Errungenschaft. Wenn jemand Fortschritt machen will, wenn jemand weiter gehen will, dann ist dies der Ort dazu. In anderen Welten sind die kosmischen Götter und andere Wesen mit dem zufrieden, was sie bereits erreicht haben. Sie wollen nicht einen Zentimeter über ihre Errungenschaft hinaus gehen. Aber hier auf Erden bist du nicht zufrieden, bin ich nicht zufrieden, ist niemand zufrieden mit dem, was er erreicht hat. Unzufriedenheit bedeutet nicht, dass wir uns über jemanden oder über die Welt ärgern. Nein! Unzufriedenheit bedeutet, dass wir ein beständiges Streben haben, weiter und weiter über alles hinaus zu gehen. Wenn wir nur einen Funken Licht haben, dann wollen wir mehr Licht haben. Wir wollen uns immerzu ausdehnen.
Als die Schöpfung begann, gingen die Seelen in verschiedene Richtungen. Diejenigen, welche die höchste Wahrheit, die unendliche Wahrheit wollten, nahmen den menschlichen Körper an, sodass sie eines Tages die Wahrheit hier auf Erden besitzen, enthüllen und manifestieren würden. Unserer indischen Tradition zufolge gibt es Tausende von kosmischen Göttern. Es gibt so viele regierende Gottheiten und Götter wie es Menschen gibt. Diese Gottheiten und Götter weilen in den höheren Welten, entweder in der vitalen Welt oder in der intuitiven Welt oder auf einer anderen höheren Ebene. Im Augenblick haben sie mit ihrer begrenzten Fähigkeit mehr Macht als wir. Aber wenn wir befreit und verwirklicht sind, wenn wir mit dem Bewusstsein des Supreme, mit dem Willen des Supreme völlig eins geworden sind, dann werden wir über sie hinaus gehen.
Unser menschliches Potenzial ist unendlich viel größer als das der so genannten regierenden Gottheiten, weil sie zufrieden sind, während wir nicht zufrieden sind mit dem, was wir haben. Doch im Grunde ist es keine Frage der Unzufriedenheit; es ist eine Frage beständiger Strebsamkeit. Wir wissen, dass unser Höchster Vater unendlich ist. Wir fühlen, dass wir noch nicht zum Unendlichen geworden sind, aber wir sehnen uns danach, uns auszudehnen und auszudehnen. Dieser Planet hat diesen inneren Drang. Auf der einen Seite ist er dunkel, ist er unwissend, interessiert er sich nicht für das göttliche Leben. Auf der anderen Seite hat er diesen gewaltigen inneren Drang, dessen sich die meisten menschlichen Wesen noch nicht bewusst sind.
Wenn dieser innere Drang lebendig ist, dann gibt es kein Ende für unsere Möglichkeiten, kein Ende für unsere Errungenschaften. Und wenn wir das Unendliche erlangen, dann übertreffen wir natürlich die Errungenschaften anderer Welten.

Entscheidet die Seele, welche Erfahrungen sie auf der irdischen Ebene machen will?

Sri Chinmoy:
Es ist die Seele, die bestimmt, was wir hier auf Erden tun werden. Doch unser menschlicher Verstand schließt sehr oft Freundschaft mit Unwissenheit und Dunkelheit. Daher geschieht es, dass manche Seelen nur geringe Schwierigkeiten haben, während andere Seelen große Schwierigkeiten haben. Die Seele hat das menschliche Schicksal angenommen. Wenn der physische Verstand fortfährt, in weltliche Wünsche und Vergnügungen einzutauchen, dann muss die Seele umso stärker kämpfen, um aus der Unwissenheit heraus zu kommen. Für einige Zeit kann sie sogar völlig von Unwissenheit bedeckt sein.
Gleichzeitig gibt es jedoch Seelen, die keine persönlichen Probleme haben. Sie sind sehr große und weite Seelen. Solche mächtigen Seelen fühlen, dass die ganze Menschheit ihre Familie ist. Mit aller Aufrichtigkeit nehmen sie die Probleme anderer Menschen auf sich, als ob es ihre eigenen wären. Diese Seelen sind äußerst barmherzig und vollkommen bereit, das Leiden anderer in sich aufzunehmen. Die großen spirituellen Meister nehmen die Schwierigkeiten der Menschheit als ihre eigenen an. Wenn sie von der Menschheit völlig getrennt sein wollten, würden sie nicht leiden. Doch indem sie die Menschheit annehmen, entscheiden sie sich dafür zu leiden; und sie leiden äußerst intensiv für die Menschheit. Wenn ein gewöhnlicher Mensch versucht, anderen leidenden Menschen zu helfen, wird er von deren Leiden selbst gefangen. Eine verwirklichte Seele jedoch kann alles und jeden annehmen, und gleichzeitig wird sie von absoluter Wonne überflutet sein. Selbst während sie leidet, wird sie innere Wonne erfahren, da sie beständig eins mit dem Göttlichen, dem Supreme ist.

Werden die Menschen in der Zukunft auch immer so streben müssen wie wir? Oder werden ab einem gewissen Zeitpunkt keine Menschen mehr auf Erden geboren werden?

Sri Chinmoy:
Menschen werden weiterhin geboren werden und die Evolution wird auch weitergehen. Wir sind gegenwärtig menschliche Wesen und keine Tiere. Aber wir haben in uns so viele tierische Eigenschaften; wir streiten, wir kämpfen, wir führen Kriege, wir tun so viele ungöttliche Dinge. Wir erwürgen einander mit unserem Hass und unserer Eifersucht. Andererseits beanspruchen wir als Menschen eine höhere Spezies zu sein, ein höheres Leben zu führen. Aber in welcher Weise? Wenn wir in uns selbst hineinblicken, sehen wir, dass wir menschliche Tiere sind. Dennoch haben wir einen gewissen Fortschritt gemacht. Wir wollen keine wilden Tiere bleiben. Unter uns gibt es Menschen, die wirklich streben und intensiv nach Gott rufen. Eines Tages werden sie die Wahrheit sehen und zur Wahrheit werden. Das ist Evolution.
Wir können nicht sagen, dass es nach vierhundert oder fünfhundert Jahren keine tierischen oder menschlichen Inkarnationen mehr geben wird. Es wird Tiere geben, es wird Menschen geben, aber sie werden vollkommener sein. Jetzt strebt von zehntausend Menschen vielleicht einer. Aber es wird die Zeit kommen, wenn genau das Gegenteil der Fall sein wird. Wir werden solchen Fortschritt gemacht haben, dass nur eine Person von zehntausend nicht streben wird.
Wir können nicht sagen, dass es eine andere Art von Evolution geben wird, wo jeder völlig erleuchtet zur Erde herab kommen wird. Nein! Ich habe Jahrhunderte lang hart dafür gearbeitet, Gott zu verwirklichen. Soll jemand anderer gar nicht dafür arbeiten müssen? Wird Gott sofort alles für ihn tun? Nein, jeder muss arbeiten. Gottes Gnade kommt nur dann herab, wenn wir hart arbeiten, wenn wir höchst seelenvoll streben. Gewiss, manche Menschen verwirklichen Gott schon in ihrer Jugend. Du magst fragen: „Oh, ich habe zwanzig oder dreißig Jahre meditiert, während er nur fünf oder zehn Jahre meditiert hat. Wie kommt es, dass er Gott verwirklicht hat?“ Aber du weißt nicht, dass er vor fünfzig oder siebzig Jahren in seiner früheren Inkarnation viele Jahre intensiv meditiert hat.
Ähnlich ist die Welt heute unvollkommen, und nur schrittweise und allmählich wird sie vollkommen werden. Es ist nicht so, dass zu einer bestimmten Zeit das Licht dämmern wird und alle unstrebsamen Menschen plötzlich dem Ziel entgegen laufen werden. Nein! Evolution ist ein langsamer, gradueller Prozess.

Wie lange müssen wir damit fortfahren, uns zu inkarnieren?

Sri Chinmoy:
Wenn jemand strebt, beschleunigt er seine Verwirklichung. Ansonsten benötigt ein gewöhnlicher Mensch Hunderte und Aberhunderte von Inkarnationen, bevor die Verwirklichung tatsächlich stattfindet. Sucher, die bewusst den Pfad der Spiritualität betreten und sich durch ihren inneren Ruf selbst zu disziplinieren versuchen, werden natürlich ihre Verwirklichung früher erlangen als jene, die immer noch schlafen und sich des inneren Lebens nicht bewusst sind.
Wenn jemand nun Gott verwirklicht hat und es Gottes Wille ist, dann braucht dieser Mensch keine weiteren Inkarnationen mehr anzunehmen. Wenn er müde ist, kann er sagen: „Nein, ich möchte der Menschheit keine Hilfe sein; ich möchte nur Gott verwirklichen. Nach der Verwirklichung will ich einfach nur auf einer anderen Bewusstseinsebene bleiben.“ Manche verwirklichte Seelen wollen jedoch zum Erdbewusstsein zurückkehren und der strebenden Menschheit dienen. Es hängt ganz vom Einzelnen und vom Willen Gottes ab.

Kommen immer dieselben Seelen zur Erde zurück?

Sri Chinmoy:
Es kommen dieselben Seelen zurück, aber der Supreme erschafft auch neue Seelen. Aus verschiedenen Gründen haben viele Seelen um eine Ruhepause gebeten, bevor sie ihre Rolle im kosmischen Spiel zu Ende führen. Diejenigen, die strikt Buddhas Weg gefolgt und ins Nirwana eingetreten sind, sind nicht zurückgekommen. Deshalb schickt der Supreme neue Seelen in die Welt, um sie zu ersetzen.

Sieht die Seele in all ihren Inkarnationen normalerweise immer gleich aus?

Sri Chinmoy:
Ja, sie wird gewöhnlich gleich bleiben. Aber in der Seele ist das psychische Wesen, das wachsen wird. Nachdem die Seele einmal eine Form gewählt hat, bleibt sie gewöhnlich dabei, aber das psychische Wesen wächst schrittweise wie ein kleines Kind. Zuerst ist es sehr klein, aber dann wächst es heran. In spirituellen Suchern ist das psychische Wesen stärker entwickelt als in anderen Menschen.

Wählt eine schöne Seele immer ein schönes äußeres Wesen?

Sri Chinmoy:
Alle Seelen sind ihrem Ursprung nach schön. Aber wenn eine bestimmte Seele eine spezielle Seele ist, dann werden wir natürlich auch in ihrer äußeren Manifestation Süße, Schönheit, Heiterkeit, Reinheit und alle anderen göttlichen Eigenschaften beobachten können. Was wir im Innern sind, das sind wir auch außen.
Manche Menschen haben sehr feine Seelen, wunderbare Seelen, doch in ihrem äußeren Auftreten sind sie leider sehr roh, unerleuchtet und unzivilisiert. Warum ist das so? Der Grund dafür ist, dass der Verstand und das Vitale noch nicht richtig vom Licht der Seele berührt wurden. Diese Menschen machen sich nichts aus dem Licht der Seele und wollen sehr roh bleiben, deshalb mangelt es ihrem Leben an Harmonie. In ihrer äußeren Manifestation sind sie absolut bedauernswert und unglückselig.
Es gibt noch einen anderen Grund für die Disharmonie zwischen dem äußeren Leben und dem inneren Leben. Wenn wir den Samen eines Mangobaumes säen, werden wir natürlich Mangos ernten. Aber zuweilen stehen um diesen Baum andere Bäume herum, die seine Schönheit ruinieren. Ähnlich ist es, wenn sich die Familienmitglieder nicht für das spirituelle Leben interessieren, wenn sie absolut unerleuchtet und unstrebsam sind, dann können sie die feineren Qualitäten des Kindes einfach erdrücken. Wie kommt es, dass dieses wunderbare Kind in solch eine ungöttliche Familie gekommen ist? Das ist sein Schicksal. Aber im Allgemeinen ist die äußere Erscheinung der Seele auch schön, wenn jemand eine schöne Seele hat.

Ich habe gelesen, dass es wie das Betreten eines Schlachtfeldes ist, wenn die Seele sich in der Welt inkarniert. Ist das wahr?

Sri Chinmoy:
Jedes Mal, wenn wir in den Bereich der Manifestation zurückkehren und die Welt betreten, ist es als würden wir in eine Schlacht ziehen. Hier muss der spirituelle Sucher, der göttliche Soldat, gegen Furcht, Zweifel, Ängste, Sorgen, Begrenzung, Bindung und seinen ärgsten Feind, den Tod, kämpfen. Er kämpft ständig gegen die Unwissenheit, und der Tod ist das Kind der Unwissenheit. Er kämpft und verliert entweder die Schlacht und stirbt, oder aber er überwindet all diese Unvollkommenheiten und negativen Kräfte und kehrt siegreich zu Gott zurück.

Wenn sich ein Kind in einer Familie inkarniert, kann es sein, dass die Seele des Kindes weniger weit entwickelt ist als die Seelen der Eltern?

Sri Chinmoy:
Manchmal sind die Eltern den Kindern in der Entwicklung unterlegen, sogar weit unterlegen, und manchmal sind die Eltern überlegen. Aber so wie sich die Eltern in der äußeren Welt bemühen, damit ihre Kinder klug und gebildet werden, werden auch die Kinder in der inneren Welt Fortschritt machen und wachsen, wenn die Eltern für ihre Kinder beten und meditieren.

Haben die Verwandten eines Menschen in dieser Inkarnation eine Verbindung zu seinen Verwandten aus früheren Inkarnationen?

Sri Chinmoy:
Es hängt von Gottes Willen ab. Dein Großvater in dieser Inkarnation will vielleicht keine Verbindung mit deiner Familie aufrecht erhalten, deshalb wird er in seiner nächsten Inkarnation in eine andere Familie gehen. Manchmal versuchen Seelen das Spiel zu ändern. Sie wollen nicht immer dasselbe Spiel spielen. Eine Seele mag sagen: „Ich habe meine Rolle erfüllt. Jetzt möchte ich die Verbindung zu einer anderen Familie.“ Andererseits mag jemand in dieser Inkarnation dein Großvater sein, aber wenn er in derselben Familie bleiben möchte, kann er in einer zukünftigen Inkarnation als dein Enkel wiederkommen. Normalerweise wird er in einer anderen Form zurückkehren, als Enkel, Neffe oder Cousin. Auf die gleiche Weise kann die Mutter als Tochter, Cousine oder Schwester wiederkommen. Es gibt keine feste Regel.

Haben sich einige deiner Schüler in früheren Inkarnationen gekannt?

Sri Chinmoy:
In seltenen Fällen, wenn mir der Supreme sagt, dass ich Schülern ihre vergangenen Inkarnationen bewusst machen soll, tue ich es. Wenn der Supreme mich darum bittet, bedeutet das, dass es den betreffenden Personen hilft und auch anderen, die dabei sind.
Es ist eine große Freude zu sehen, wie die Mitglieder unserer Familie aus früheren Inkarnationen zu uns zurückkommen. Wenn die Beziehung in dieser Inkarnation auf Spiritualität gegründet ist, können die Familienmitglieder einander tatsächlich in beträchtlichem Maße helfen. Wenn die geliebten Verwandten, die Brüder und Schwestern gemeinsam wieder zurückkommen und sich bewusst sind, wer sie waren, dann hilft ihnen das, wirklichen Fortschritt zu machen. Ihr Fortschritt wird sehr rasch sein, da die Vergangenheit sie unterstützt. Ich sage zwar immer, dass die Vergangenheit Staub ist, denn die Vergangenheit hat den Schülern keine Verwirklichung gegeben. Aber wenn sie in der Vergangenheit ein Gefühl von Einssein oder Verbundenheit mit jemandem hatten, dann werden sie, wenn sie von dieser früheren Verbindung erfahren, diese Verbundenheit und dieses Einssein wieder entdecken. Es ist nicht so sehr die Vergangenheit, sondern nur das Gefühl des Einsseins, nur ihr größeres Selbst, welches ich in das Bewusstsein der Schüler zurückbringe.

Wie ist das Verhältnis der individuellen Seele zur Seele des Landes, in das sie hinein geboren wird?

Sri Chinmoy:
Es gibt viele Länder. Warum inkarniert sich eine bestimmte Seele in einem bestimmten Land? Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Entweder hat die Seele vom Supreme den Auftrag erhalten oder die Seele hat eine besondere Vorliebe für dieses Land. Warum interessiert sich eine Seele für ein bestimmtes Land? Weil die Seele ihre eigenen inneren Neigungen hat. Sie fühlt, dass sie eine innere intuitive Fähigkeit oder andere Qualität besitzt, die sie leichter manifestieren kann, wenn sie eine Inkarnation in einem bestimmten Land annimmt. Wenn eine bestimmte Seele Dynamik hat, wird sie versuchen, eine Inkarnation in Amerika und nicht in Indien anzunehmen. Wenn sie sich andererseits nach innerer Harmonie und Frieden sehnt, wird sie versuchen, sich in Indien zu inkarnieren. Wenn die Seele Weite und eine Verbindung von Verstand und Herz in einem mentalen und psychischen Erwachen möchte, dann wird sie sich in Australien inkarnieren.
Die individuelle Seele will vielleicht in ein bestimmtes Land, und gleichzeitig möchte auch die Seele eines Landes eine bestimmte Art von Seelen, damit ihre eigene Wirklichkeit manifestiert werden kann. Jede Seele hat ihrem Land etwas Besonderes anzubieten. Deshalb meditiert die Seele eines jeden Landes auf die höchste Wirklichkeit, um Seelen zu erhalten, die ihr eine Hilfe sein werden.
Wenn die Seele sich ein bestimmtes Land aussucht, dann kann der Supreme die Wahl der Seele annehmen oder ablehnen. Aber in neunundneunzig von hundert Fällen stimmt der Supreme der Wahl der Seele zu. Wenn jedoch der Supreme die Wahl trifft, kann die individuelle Seele den Willen des Supreme in der Regel nicht ändern. Aber genauso wie wir manchmal nicht auf unseren Chef hören, kann das auch im Fall der Seele geschehen. Doch normalerweise hört die individuelle Seele auf den Supreme, da Seelen mehr Licht haben als erdgebundene Wesen.
Jede einzelne Seele hat eine besondere Rolle in dem Land zu erfüllen, das sie aufnimmt. Nachdem sie ihre Rolle gespielt hat, geht sie in ein anderes Land. Natürlich kann die Seele auch zwei oder drei Inkarnationen in einem Land haben und dann woanders hin gehen. Manche Seelen können sich sogar noch öfter an einem bestimmten Ort inkarnieren.
Was für eine Rolle ist es, die die einzelne Seele erfüllt? Es ist die Rolle einer Blüte an einem Baum. Wenn ein Baum viele Blüten trägt, ist der Baum schön. Jede Seele ist wie eine Blüte, und jedes Land ist wie ein Baum.

Wann tritt die Seele in den Körper ein?

Sri Chinmoy:
Normalerweise liegt der Zeitpunkt, wo die Seele in den Körper eintritt, zwischen sechs und acht Monate vor der Geburt. In seltenen Fällen kann sie zur Zeit der Empfängnis eintreten. Der späteste Zeitpunkt dafür ist gewöhnlich dreizehn oder vierzehn Tage, bevor das Kind geboren wird. Sehr selten tritt die Seele nur zwei oder drei Tage vor der Geburt ein und manchmal kommt sie sogar erst kurz nach der Geburt. In diesem Fall wartet die Seele bis zum letzten Moment, bevor sie ihre Entscheidung trifft, weil sie sich in Bezug auf die Familie nicht sicher ist. Manche Seelen haben das Gefühl, dass sie eine bessere Entscheidung treffen können, wenn sie länger warten. Und manche Seelen brauchen einfach länger, um sich zu entscheiden, genauso wie manche Menschen länger als andere für eine Entscheidung brauchen. Aber manche Seelen warten nicht; sie wissen sofort, was zu tun ist, und wenige Monate nach der Empfängnis ist alles geschehen.

Was macht die Seele im Körper vor der Geburt?

Sri Chinmoy:
Die Seele verhält sich im Körper absolut still. Sie ist wie ein Zeuge. Sie beobachtet einfach die physischen Organe. Doch was sie sieht, wenn sie bei der Geburt zum ersten Mal in die Welt tritt, ruft in ihr eine Art Angst und Enttäuschung hervor. Die Seele ist ein Strahl des Göttlichen, aber wenn sie die Welt betritt, sieht sie sofort die Unwissenheit. Die Seele hat die Welt angenommen, doch in dem Augenblick, wo das Kind geboren wird, sieht die Seele durch die Augen des Kindes, und was sie sieht, erzeugt Angst in ihr. Die Seele sieht in diesem Moment nichts Schönes; sie sieht nur etwas Wildes, das sie wie ein Löwe verschlingen will. Dann sagt die Seele: „Ich habe diesen Körper angenommen. Ich muss kämpfen. Warum sollte ich mich wie ein Feigling verhalten? Warum sollte ich den Körper verlassen? In diesem Körper, mit diesem Körper muss ich für Gott kämpfen und Sein Königreich hier auf Erden errichten.“

Hat die Seele immer die Versicherung, dass sie ihre wahre Aufgabe während jeder neuen Lebenszeit auf Erden finden wird?

Sri Chinmoy:
Bevor die Seele eine menschliche Inkarnation annimmt, erhält sie die innere Botschaft über ihre göttliche Bestimmung auf der Erde. Sie ist sich ihrer Mission vollkommen bewusst und kommt mit der unmittelbaren Zustimmung oder Billigung des Supreme hierher. Aber während des Lebens überdecken zuweilen die Aktivitäten des physischen Verstandes die göttliche Inspiration und den wahren Zweck der Seele. Dann kann die Mission der Seele nicht zum Vorschein kommen. Wenn wir jedoch beginnen, mit dem Verstand, dem Herzen und der Seele zu streben, dann können wir den Zweck unseres Daseins hier auf der Erde erkennen.
In jedem menschlichen Wesen findet eine ständige Schlacht zwischen dem Göttlichen und dem Ungöttlichen statt. Die Unwissenheit der Welt versucht die menschliche Strebsamkeit zu verschlingen. Auf dem gegenwärtigen Stand der Entwicklung leben die meisten Menschen im ungöttlichen Vitalen, das voller Begierden, Ängste und Erregung ist. Deshalb sind sie sich der Bedürfnisse der Seele nicht bewusst.

Ist es vorherbestimmt, wie viel Fortschritt eine Seele in einer Inkarnation machen wird?

Sri Chinmoy:
In manchen Fällen ist es vorherbestimmt und in manchen Fällen gibt es keine feste Grenze; es hängt davon ab, wie viel Gnade eine Seele empfängt.

Kannst du mir helfen, so schnell wie möglich den Körper zu verlassen und mich an einem Ort wieder zu verkörpern, der sehr hochgelegen und sehr kalt ist, mit viel Nebel und Schnee?

Sri Chinmoy:
Ich habe die Kraft zu tun, worum du mich bittest. Aber wenn ich mit deiner Bitte zum Supreme gehe, wird Er mich sofort auslachen und sagen: „Was für einen Schüler hast du, der seine Augen wieder schließen will, nachdem er sie gerade erst geöffnet hat?“ Das Klima hat nichts mit Gott-Verwirklichung zu tun. Sri Ramana Maharshi und Sri Aurobindo lebten in Südindien, das ein sehr heißes Klima hat, aber es hat sie nicht davon abgehalten, Gott zu verwirklichen. Es gibt viele Sucher, die in den Höhlen hoch oben im Himalaya leben, im ewigen Schnee, die aber Gott nicht verwirklichen konnten. Das Klima hat damit nichts zu tun. Es ist die innere Hitze der Strebsamkeit, die Gott-Verwirklichung bringen kann, nicht die äußeren klimatischen Bedingungen.
Rabindranath Tagore, Indiens größter Dichter, pflegte täglich sechs oder acht Gedichte zu schreiben. Einmal dachte er, dass er viel bessere Dichtung schreiben könnte, wenn er sich an einen einsamen Ort zurückziehen würde. Deshalb verließ er sein Haus und zog sich an einen einsamen Ort in den Bergen zurück. Während er dort war, war er nicht in der Lage, auch nur ein einziges Gedicht zu schreiben. Er entdeckte, dass nicht die Umgebung wichtig war, sondern die innere Inspiration. Gott hat die Bedingungen ausgewählt, unter denen du dein jetziges Leben lebst. Es ist wie ein Schauspiel. Die Bühne steht und der Vorhang ist für dich geöffnet, damit du deine Rolle spielen und auf dem spirituellen Pfad voranschreiten kannst. Deine gegenwärtigen Umstände sind die besten für dein Vorwärtskommen. Nun willst du den Körper verlassen und einen neuen Körper in einer zukünftigen Inkarnation annehmen, in einer Umgebung, von der du denkst, dass sie für dich am besten passt. Aber diese Art von Leben würde viel schlimmer als dein jetziges Leben sein, weil es von deinem Verstand gewählt wäre, während dein jetziges Leben von Gott gewählt wurde.
Wenn dich deine vergangenen Taten in dieser Inkarnation quälen, dann möchte ich dir sagen, dass meine Philosophie lautet: „Vergangenheit ist Staub“. Was immer du vor einigen Jahren oder selbst gestern getan hast, sollte dich nicht beschäftigen. Die Vergangenheit ist nicht wichtig. Nur das, was du von jetzt an tust, kann deinen Fortschritt beschleunigen. Jetzt hast du einen spirituellen Meister in einem physischen Körper, der dir helfen kann. Nur die Gegenwart und die Zukunft, die in die Gegenwart fließt, können dir Befreiung geben.

Wenn sich die Seele in einem neuen Körper inkarniert, was geschieht dann mit dem spirituellen Herzen? Geht es auch von einem Leben zum anderen wie die Seele?

Sri Chinmoy:
Wenn die Seele den Körper verlässt, dann nimmt sie die Essenz der Erfahrungen, die Körper, Verstand, Lebensenergie und Herz in diesem Leben gemacht haben, mit sich. Aber sie nimmt nicht das Herz, das Vitale oder den Verstand mit, wenn sie in die Region der Seele zurückkehrt. Wenn sie sich in einem neuen Körper inkarniert, dann ist die Seele – oder man kann auch sagen, das psychische Wesen oder der Purusha – immer dieselbe. Sie trägt noch immer die Verwirklichungen und Erfahrungen ihrer früheren Leben in sich. Aber sie nimmt ein neues Herz, einen neuen Verstand, ein neues Vitales und einen neuen Körper an.

Wenn die Seele zurückkommt, nimmt sie dann wieder dasselbe Vitale an?

Sri Chinmoy:
Sie kann wieder dasselbe oder auch ein anderes Vitales annehmen, das weiter entwickelt ist. Es ist wie beim Einkaufen in einem Laden. Du lässt etwas im Laden zurück, und wenn du wieder kommst, nimmst du entweder deinen eigenen Gegenstand wieder mit oder du kaufst etwas Schöneres. Anstatt deine alte Uhr zu behalten, kaufst du vielleicht eine neue. Und jemand, der weniger Geld hat als du, wird an deiner alten Gefallen finden.

Wenn ein Schüler Gott nicht verwirklicht, während sein Guru im Körper ist, wie ist es dem Guru dann möglich, dem Schüler in dessen nächster Inkarnation zu helfen, wenn es keinen anderen lebenden Guru gäbe, durch den er arbeiten könnte?

Sri Chinmoy:
Der Guru braucht keinen anderen Guru, durch den er arbeiten kann. Vor viertausend Jahren hatte Sri Krishna eigene Schüler, als er physisch auf der Erde war, und bis heute gibt es viele seiner Schüler, die noch keinen anderen Meister angenommen haben. Sie inkarnieren sich zum Beispiel in einer Familie, die dem Pfad Krishnas folgt, so dass Krishna ihnen auf seine Weise Befreiung geben kann. Ähnlich ist es bei den anderen großen Meistern. Viele von Sri Ramakrishnas Schülern sind wieder auf die Erde gekommen. Sie sind zu keinem anderen Guru gegangen, und dennoch erhalten sie Erfüllung. Aber wenn sie einen anderen Meister haben wollten, würde ihnen Ramakrishna natürlich raten, zu einem anderen Meister zu gehen. Manche Schüler großer Meister haben einen anderen Guru angenommen. Einige meiner Schüler waren tatsächlich Schüler von Sri Krishna.
Wie kann ein spiritueller Meister seinen Schülern helfen, wenn sie nicht zu einem anderen Guru gehen? Er kann es durch seinen bewussten Willen tun, durch den Willen seiner Seele. Ich bin hier auf der Erde, und obwohl ich nicht in England oder Puerto Rico bin, konzentriere ich mich durch meinen bewussten Willen früh am Morgen nach zwei Uhr auf all jene, die dort meine Schüler sind. Sich eine flüchtige Sekunde lang zu konzentrieren reicht völlig aus, aber ich verwende mehr Zeit, um zu wissen, was die Seele tut und wie weit die Seele gekommen ist. So kann ein spiritueller Meister seinen Schülern an verschiedenen Orten der Welt helfen, selbst während er im Physischen weilt, was eine echte Einengung bedeutet. Wenn er dann den Körper verlässt, ist er völlig frei. Vom anderen Ufer aus arbeitet der spirituelle Meister durch das Licht der Seele oder durch Willenskraft. Das Licht der Seele kann von jeder Bewusstseinsebene aus anerboten werden, von der höchsten Ebene bis hinunter zur irdischen Ebene. Von den höheren Welten aus kann sich der Meister leicht mit der strebenden Seele des Schülers verbinden, und der Schüler kann leicht auf das Licht des Meisters antworten. Das ist die Weise, wie der Meister dem Schüler helfen kann, ihm helfen muss und ihm tatsächlich hilft.

Wenn jemand spirituell ist, wird seine nächste Inkarnation dann anders sein als die eines gewöhnlichen Menschen?

Sri Chinmoy:
Sicherlich. Wenn eine Seele spirituell sehr weit fortgeschritten ist, wird sie kein gewöhnliches Leben annehmen, da sie schon durch das gewöhnliche Leben hindurch gegangen ist. Jede Inkarnation ist eine Stufe auf dem Weg zu unserer letztendlichen Gott-Verwirklichung. Wenn jemand in seiner letzten Inkarnation bewusst gestrebt hat, dann wird seine zukünftige Geburt mehr Möglichkeiten für seinen spirituellen Fortschritt bereit halten. Wenn nun ein Sucher in seiner letzten Inkarnation mit dem spirituellen Leben begonnen hat, und wenn er in seiner spirituellen Praxis in seinem letzten Leben wirklich aufrichtig war, dann wird er in diesem Leben bereits in jungen Jahren zu streben beginnen. Er wird in eine spirituelle Familie hinein geboren werden, wo er ermutigt wird, von Geburt an ein spirituelles Leben zu führen, und er wird zu streben beginnen, wenn er zehn, zwölf, vierzehn oder sechzehn ist. Allerdings kann es auch geschehen, dass seine Lebensumstände schlecht sind. Dann wird er, obwohl er in der letzten Inkarnation mit dem spirituellen Leben begonnen hat, in dieser Inkarnation langsam vorwärts gehen, da er keine Hilfe von seinen Eltern oder von seiner Umgebung erhält. Aber es ist kein Risiko; es ist eine Reise. Im Laufe der Evolution legt die Seele Tausende von inneren Meilen zurück und sammelt dabei unterschiedliche Erfahrungen, und diese Erfahrungen sind es, die der Seele schließlich ihre volle Verwirklichung geben.
Wenn der Betreffende jedoch ein sehr großer Sucher war, der kurz davor stand, Gott zu verwirklichen, dann wird er mit größter Wahrscheinlichkeit in eine spirituell sehr weit entwickelte Familie kommen und von Anfang an in das wahre spirituelle Leben eintreten können. Die meisten der wirklichen spirituellen Meister inkarnieren sich in sehr weit entwickelten spirituellen Familien. Gott kann einen spirituellen Meister auch in eine unspirituelle Familie schicken, denn Er ist durch keinen Plan gebunden, aber in den meisten Fällen kommen spirituelle Meister in spirituelle Familien.

Du hast vorhin gesagt, dass jede Inkarnation eine Stufe auf dem Weg zu unserer Gott-Verwirklichung ist. Bedeutet das, dass wir in diesem Leben Gott nicht erreichen können?

Sri Chinmoy:
Nein, ganz und gar nicht. Es ist eine Frage der Grundlagen in der Vergangenheit und der Strebsamkeit. Wenn jemand in seinen früheren Leben gestrebt und meditiert hat, dann gibt es keinen Grund, warum er aufgrund seiner Strebsamkeit die Verwirklichung nicht in seiner jetzigen Inkarnation erlangen sollte. Da wir uns alle zur Verwirklichung hin bewegen, wird diese Verwirklichung unweigerlich früher oder später in einer kommenden Inkarnation stattfinden. Wie ich bereits sagte, ist es eine Frage der spirituellen Entwicklung des Suchers.

Wenn ein Sucher stirbt, hört dann all sein Wirken in der Zeit zwischen seinem Tod und seiner Wiedergeburt auf? Oder ist er in der Lage, bewusst weiter zu arbeiten beziehungsweise seine Arbeit, in gewisser Weise weiterzuführen, bis er zur Erde zurückkehrt?

Sri Chinmoy:
Das hängt von der Errungenschaft des einzelnen Suchers ab. Nehmen wir an, ein fortgeschrittener Sucher hat den Körper verlassen, und nehmen wir an, es gab vieles, was er auf Erden noch vollbringen wollte, aber er konnte es nicht mehr. Was wird er nun tun? Wenn er den Körper verlässt, muss er durch die physische Hülle, die vitale Hülle, die mentale Hülle und andere Hüllen gehen, und schließlich wird er in die Region der Seele eintreten. Wenn es nicht sein eigener Wille ist, in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren zur Erde zurückzukehren, und wenn es auch nicht Gottes Wille ist, dass er zurückkehrt, dann kann er in der Zwischenzeit seine Arbeit auf Erden von jemandem dort tun lassen, der ihm am nächsten steht. Da er eine fortgeschrittene Seele ist, kann er den Willen seiner Seele von dort, wo er sich befindet, auf diese ihm am nächsten stehende Person auf der Erde anwenden. Doch gewöhnliche Menschen sind dazu nicht in der Lage, wenn sie den Körper verlassen.
Nehmen wir einmal an, jemand will, dass seine Kinder den Doktortitel erlangen. Nachdem die Seele den Körper verlassen hat, kann sie, solange sie noch in der vitalen Welt ist, diese Begierden und gewöhnlichen Wünsche ihren Kindern schicken. Durch das Vitale erhält die Seele einen gewissen Kontakt zur Erde aufrecht. Gewöhnliche irdische Wünsche können durch den Willen der verstorbenen Person, die den Körper vor ein oder zwei Jahren verlassen hat, erfüllt oder verstärkt werden.
Aber wenn die Seele zu den höheren Ebenen zurückgeht, dann wird sie nicht mehr begehren oder wünschen, dann wird sie nicht auf diese Weise auf Söhne und Töchter einwirken, die noch auf der Erde sind. Die Seele wird sich dann nicht mehr um die irdische Zufriedenheit der Kinder kümmern, um die Erfüllung ihrer zahllosen irdischen Wünsche. Doch wenn die Seele himmlische Strebsamkeit für ihre Lieben hat, dann wird sie von den höheren Welten aus versuchen, deren eigene Strebsamkeit zu vergrößern und ihnen auf jede Weise zu helfen. Die Seele wird zu mächtigen Seelen gehen, die noch auf der Erde weilen, und diese bitten, ihren Lieben in der spirituellen Welt zu helfen. Und wenn eine Seele sehr weit entwickelt ist und sieht, dass jemand sehr aufrichtig und strebsam ist, dann kann die Seele selbst dieser Person helfen.

Wenn jemand stirbt, behält er dann in seiner nächsten Inkarnation dasselbe Niveau an Strebsamkeit bei?

Sri Chinmoy:
Wenn jemand stirbt, dann behält er definitiv dasselbe Niveau an Strebsamkeit in seinem neuen Körper und seinem neuen Bewusstsein bei. Aber diese Strebsamkeit kann gewöhnlich nicht sofort zum Vorschein kommen, weil das Erdbewusstsein voller Dunkelheit und Unwissenheit ist. Er muss einige Jahre, oder meistens sogar ein ganze Reihe von Jahren, gegen gewaltige Widerstände ankämpfen. Wenn die Seele jedoch sehr mächtig ist und der Sucher über ungewöhnliche innere Kraft verfügt, dann erhält er entweder direkt von Anbeginn seines Lebens oder nach wenigen Jahren seine alte Strebsamkeit zurück und fährt fort, seinem Ziel entgegen zu marschieren und zu laufen.

Ist die Zeitspanne, die eine Seele zwischen zwei Inkarnationen in der Seelenwelt verbringt, abhängig von der Strebsamkeit der letzten Inkarnation? Wird sie sich früher inkarnieren, wenn es eine hohe Seele ist?

Sri Chinmoy:
Es kommt auf die Strebsamkeit und die Notwendigkeit an. Du hast vielleicht das innere Streben, etwas zu tun, aber Gott mag keine Notwendigkeit dafür sehen. Von deiner Seite her ist Strebsamkeit notwendig. Du strebst danach, wieder zurück zu kommen und das Spiel sofort von neuem zu beginnen. Es ist so, als ob du eine halbe Stunde lang gespielt hättest und nun eine kleine Pause einlegst. Wenn du dich dann ausgeruht hast, sagst du: „Gib mir die Gelegenheit das Spiel zu beenden und zurück zu gehen.“ Aber Gott sagt vielleicht: „Nein, ich möchte, dass du dich etwas länger ausruhst.“ Dann kannst du noch nicht zurückkehren. Wenn jedoch deine Strebsamkeit und Gottes Notwendigkeit eins werden, kannst du selbstverständlich zurückkommen.
Manche Seelen inkarnieren sich fast augenblicklich wieder, ohne überhaupt zur Seelenwelt gegangen zu sein. Nehmen wir an, jemand stirbt vorzeitig bei einem Unfall. Dann geht die Seele vielleicht nur bis zur vitalen Hülle hinauf, und von dort aus inkarniert sie sich, wenn eine spirituelle Persönlichkeit oder die göttliche Gnade eingreift, schon nach sieben oder acht Monaten in einer neuen Familie.
Die meisten gewöhnlichen Seelen kommen wieder zurück, nachdem sie sechs oder sieben oder höchstens zwanzig Jahre in der Seelenwelt verbracht haben. Die Seele nutzt ihre Zeit in der Seelenwelt, um ihre irdischen Erfahrungen zu assimilieren. Bedeutende Menschen, wie große Wissenschaftler oder spirituelle Persönlichkeiten, nehmen nicht so schnell wieder eine Geburt an wie gewöhnliche Leute. Sehr selten wirst du eine große Persönlichkeit auf welchem Gebiet auch immer finden, die schon bald wieder eine Inkarnation annimmt. Einige bleiben für siebzig Jahre oder länger in der Seelenwelt. In bestimmten Fällen warten spirituelle Meister einhundert oder zweihundert Jahre, bevor sie sich wieder inkarnieren. Aber es gibt keine feste Regel. Wenn der Supreme möchte, dass sie wieder zur Erde zurückkehren, dann müssen sie zurückkehren, auch wenn sie nicht wollen. Es hängt von der eigenen Entscheidung der Seele und der Zustimmung des Supreme ab, wie lange eine Seele braucht, bis sie sich wieder inkarniert.

Wenn jemand auf einem Gebiet begabt ist, bedeutet das, dass seiner Seele dieses Potenzial ursprünglich gegeben wurde, oder hat er viele Jahre lang versucht, diese Fähigkeit zu entwickeln und es schließlich erreicht?

Sri Chinmoy:
Potenzial hat jeder, so wie ein Tonklumpen. Wenn der eine Töpfer ihn formt, wird das Gefäß wunderschön, während ein anderer Töpfer ein weniger schönes Gefäß daraus macht. Die Essenz beider Gefäße ist derselbe Ton. Auf die gleiche Weise sind wir im Geiste alle eins. Aber während der eine Töpfer arbeitet, fragst du vielleicht: „Wieso hat er dieses Gefäß so schön geformt?“ Dieser bestimmte Töpfer hat etwas, dass bewusste Strebsamkeit genannt wird. In jeder anderen Hinsicht ist meine Essenz, deine Essenz, jedermanns Essenz dieselbe. Aber während dieser bestimmte Töpfer formt, ist etwas in ihm, das ihm die Möglichkeit gibt, etwas Einzigartiges zu gestalten.
Es ist daher nicht so, dass am Anfang ein bestimmtes Potenzial gegeben wurde. Nein, sondern es war jedem Menschen bestimmt, eine sehr begrenzte Freiheit zu erhalten, die mit Beginn der Schöpfung anfing. Diese Freiheit nun bedeutet ein Potenzial. Manche gebrauchen dieses Potenzial für das spirituelle Leben, manche gebrauchen es für die Musik, manche für die Dichtung und so weiter. Manche gebrauchen es überhaupt nicht. Aber aus einem Potenzial entsteht erst dann eine Wirklichkeit, wenn sein Besitzer es zum Vorschein bringt und entwickelt.

Haben die körperlichen Fähigkeiten, die wir besitzen, etwas mit unseren Errungenschaften aus früheren Inkarnationen zu tun?

Sri Chinmoy:
Nein, unsere körperlichen Fähigkeiten hängen davon ab, wie viel Entschlossenheit, Ausdauer und Strebsamkeit wir haben. Wenn wir sehr wenige Fähigkeiten haben, heißt das nicht, dass wir in unseren früheren Inkarnationen sehr ungöttlich waren. Keineswegs, nur bemühen sich manche Menschen nicht, sie arbeiten nicht hart genug. In dieser Welt kann man nichts erreichen, ohne dafür hart zu arbeiten.

Gemäß der Reinkarnationslehre wird unser nächstes Leben eine Widerspiegelung und Erweiterung dieses Lebens sein. Könntest du bitte etwas mehr dazu sagen?

Sri Chinmoy:
Unser nächstes Leben braucht keine Widerspiegelung unseres früheren Lebens zu sein. Nehmen wir an, jemand hat seine Rolle höchst zufriedenstellend erfüllt. Nehmen wir an, dass du in deiner früheren Inkarnation ein großer Künstler gewesen bist, und deine Seele will diese Erfahrung nicht noch einmal machen. Wenn deine Seele möchte, dass du die Erfahrung machst, ein Politiker zu sein, dann wird deine frühere Erfahrung als Künstler vielleicht gar nicht zum Vorschein kommen. Nur wenn die Seele ihre Rolle auf einem bestimmten Gebiet nicht zu Ende gespielt hat und denselben Prozess fortsetzen möchte, dann wird ein Leben die Widerspiegelung des vorhergehenden Lebens sein. Ansonsten kann die Seele die Eigenschaften, die Natur und die Neigungen des menschlichen Wesens völlig ändern.

Hilft es zu wissen, welches Tier man in einer vergangenen Inkarnation war oder was für ein Mensch man war?

Sri Chinmoy:
Wenn wir in das innere Leben eintreten und unser inneres Bewusstsein, unsere inneren Fähigkeiten entwickeln, dann erhalten wir Erinnerungen an unsere früheren Inkarnationen. Tief in unserer Meditation können wir sehr leicht fühlen, dass wir frühere Leben hatten. Und wenn wir wissen, dass wir eine Vergangenheit hatten, und wenn wir wissen, dass die Gegenwart noch nicht vollendet ist und dass wir selbst nicht unvollendet bleiben können, dann wird uns der Drang der Gegenwart zu unserer Zukunft führen, wo wir unsere Vollendung und Vollständigkeit erreichen werden. Gleichzeitig können wir unseren Fortschritt beschleunigen, wenn wir einen Meister haben. Wenn wir uns mit Hingabe dem inneren Leben widmen, und wenn wir einen Guru haben, dann können wir in einer Lebensspanne den Fortschritt von zwanzig Inkarnationen machen.
Nehmen wir einmal an, wir wissen, dass wir in unserer letzten Inkarnation ein Reh waren. Der einzige Vorteil dabei ist, dass wir an unsere Geschwindigkeit denken und uns sagen können: „In meiner Tierinkarnation lief ich so schnell, und damals besaß ich nicht die entwickelte Seele, die ich jetzt habe. Also will ich in dieser Inkarnation noch schneller laufen!“ Sobald wir uns daran erinnern, dass wir in einer früheren Inkarnation schnell gelaufen sind, fühlen wir uns inspiriert, auch in dieser Inkarnation schnell zu laufen. Wenn wir unsere frühere Inkarnation kennen, dann können wir sie positiv nutzen; dann kommt die Inspiration sehr schnell zum Vorschein. Wenn jemand weiß, dass er ein Sucher war, schenkt ihm das ein wenig Freude und Vertrauen. „Ich habe meine Reise in meiner vergangenen Inkarnation begonnen, aber es war ein sehr langer und mühsamer Weg. In dieser Inkarnation gehe ich noch immer dieselbe Straße entlang, aber diesmal muss ich nicht mehr so weit gehen. Es ist jetzt auch einfacher, weil ich ein wenig Hilfe erhalte. Ich besitze die Fähigkeit. Ich habe die Bereitschaft und ich habe die Erfahrung. Mit einem spirituellen Meister, der mich führt, werde ich leicht mein Ziel erreichen.“
Aber nur in seltenen Fällen nutzen wir das Wissen um unsere früheren Inkarnationen auf angemessene Weise. Meistens erhalten wir davon keinerlei Ermutigung. Wird es uns irgendwelche Inspiration oder Strebsamkeit schenken, wenn wir wissen, dass wir in unserer vergangenen Inkarnation ein Dieb oder sonst etwas Ungöttliches waren? Nein! Wir werden sofort denken: „Oh, ich war ein Dieb, und in dieser Inkarnation versuche ich, ein Heiliger zu werden. Unmöglich! Es ist hoffnungslos zu versuchen, in diesem Leben spirituell zu werden.“ Selbst in dieser Inkarnation brauchen wir lange, um aus unserer Verzweiflung heraus zu kommen, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Wir denken: „Ich war so schlecht. Ich habe dies und jenes getan. Wie kann ich jemals rein werden? Wie kann ich jemals Gott verwirklichen?“ Selbst wenn wir vor vier Jahren etwas falsch gemacht haben, kann es uns immer noch quälen.
Oder nehmen wir an, wir wissen, dass wir in unserer vergangenen Inkarnation jemand Bedeutendes waren, und in dieser Inkarnation sehen wir, dass wir ein Nichts sind. Dann werden wir uns jämmerlich fühlen. Wie werden Gott verfluchen und wir werden uns selbst verfluchen. Wir werden sagen: „Wenn ich so bedeutend war, wie kommt es, dass ich in dieser Inkarnation so nutzlos bin? Was habe ich so Unvorstellbares getan, dass ich dieses Schicksal verdiene? Gott ist hart, Ihm liegt nichts an mir.“ Aber wir missverstehen Gott. Gott möchte durch uns in dieser Inkarnation eine andere Erfahrung machen, während wir denken, dass Gott einfach nur lieblos ist.
Ein Sucher will innere Freude, die Freude, die ihn erfüllt und die Gott erfüllt. Das werden ihm seine vergangenen Inkarnationen niemals geben. Wenn er in eine seiner früheren Inkarnationen eintritt und sieht, dass er der Präsident der Vereinigten Staaten war, wird er trotzdem keine Zufriedenheit erhalten. Er wird sehen, dass sein Leben als Präsident voller Leid und Enttäuschungen war. Um wahre Freude zu erhalten, muss ein Sucher im spirituellen Leben vorwärts gehen mit seinem eigenen inneren Streben und seiner eigenen inneren Sehnsucht, mit seiner eigenen Konzentration und Meditation.
Das Beste für uns ist es, nicht an die Vergangenheit zu denken. Unser Ziel liegt nicht hinter uns; es liegt vor uns. Wir bewegen uns vorwärts, nicht rückwärts. Ich sage immer „Vergangenheit ist Staub“ für einen spirituellen Menschen. Ich sage das, weil uns die Vergangenheit nicht gegeben hat, was wir haben wollen. Was wir wollen ist Gott-Verwirklichung. Unsere vergangenen Inkarnationen zu kennen, hilft uns nicht bei unserer Gott-Verwirklichung. Gott-Verwirklichung hängt vollständig von unserer inneren Sehnsucht, unserem inneren Ruf ab. Wichtig ist nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft. Wir müssen sagen: „Ich habe keine Vergangenheit. Ich beginne hier und jetzt mit Gottes Gnade und meiner eigenen Strebsamkeit. Lass mich jetzt zu laufen beginnen. Wie weit ich in der Vergangenheit gelaufen bin, ist belanglos. Lass mich nur daran denken, wie weit ich in diesem Leben laufen werde.“
Im Augenblick betrachten wir die Vergangenheit als etwas völlig Verschiedenes von der Gegenwart, und die Gegenwart als etwas völlig Verschiedenes von der Zukunft. Wenn wir einmal Gott verwirklichen, werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins. Sie bilden einen Kreis, der unser eigenes inneres Wesen, unser ganzes Leben ist. Dann können wir leicht auf unsere früheren Inkarnationen zurück blicken und wissen, wer wir waren.
Wenn du deine vergangenen Inkarnationen kennen lernen willst, dann wird dir Gott sicher die Fähigkeit dazu geben. Aber das Wichtigste sind nicht vergangene oder zukünftige Inkarnationen, sondern was du hier und jetzt willst. Du willst Gott, und wenn du seelenvoll meditierst, dann ist Gott gezwungen, dir diese Gnade zu gewähren. Du wirst Ihn besitzen und du wirst Ihn ganz dein eigen nennen.

Wenn jemand ein fortgeschrittener Sucher ist und die Fähigkeit hat, seine vergangenen Inkarnationen zu sehen, wird dies seinen Fortschritt behindern? Ist es schädlich, wenn du entdeckst, dass du ein Dieb oder etwas anderes in der Vergangenheit warst?

Sri Chinmoy:
Wenn du in diesem Leben höchst aufrichtig meditierst, wird sich deine innere Stärke automatisch entwickeln, und du wirst einen Punkt erreichen, wo du nicht beunruhigt sein wirst, selbst wenn du siehst, dass du in einer früheren Inkarnation der schlimmste Verbrecher warst. Du weißt, dass du hierher gekommen bist, um dich selbst zu verwandeln, um dem Göttlichen entgegen zu gehen. Buddha offenbarte seine früheren Inkarnationen: Er war eine Ziege gewesen und vieles andere mehr. Weil er Gott verwirklicht hatte und in die höchste Wahrheit eingetreten war, konnte er leicht sagen, was er in seinen früheren Geburten gewesen war. Für ihn war es unwesentlich, ob er in seinen vergangenen Inkarnationen etwas vollkommen Gewöhnliches war.

Wenn ein Mensch stirbt und sehr an einem Hund oder einem anderen Tier hängt und Mitgefühl für dieses Tier hat, wird das dazu führen, dass er als Tier wiedergeboren wird?

Sri Chinmoy:
Die großartigste Schrift Indiens und das umfangreichste literarische Werk der Welt ist die Mahabharata. In der Mahabharata gibt es einige Geschichten, in denen sich ein Mensch später als Tier wieder verkörpert. Es gibt eine bekannte Geschichte von einem König namens Bharata, der einem Hirsch sehr zugetan war und angeblich in seiner nächsten Inkarnation ein Hirsch wurde. Nun war Sri Ramakrishna seinem liebsten Schüler Naren sehr zugetan, der später Swami Vivekananda wurde. Er pflegte auf seinen Schüler zuzugehen und mit ihm zu sprechen, und die Leute dachten, dass Ramakrishna verrückt sei. Eines Tages sagte Naren daher zu ihm: „Was machst du nur? Kennst du nicht die Geschichte von König Bharata, der eine so starke Zuneigung zu einem Hirsch hatte, dass er in seiner nächsten Inkarnation ein Hirsch wurde? Dein Schicksal wird das gleiche sein, wenn du ständig an einen gewöhnlichen Menschen wie mich denkst.“ Ramakrishna nahm Naren ernst und fragte Mutter Kali: „Ist es wahr, dass mein Schicksal wie das von König Bharata sein wird?“ Sie sagte: „Das ist töricht! Du hast Naren gern, weil du Gott in ihm siehst. Nicht, weil er schön ist oder dergleichen. Nein! Du hast ihn gern, weil die Manifestation Gottes in ihm zum Ausdruck kommt. Deshalb bist du so beglückt, wenn du ihn siehst.“
Wenn du Mitgefühl für jemanden hast, heißt das nicht, dass du zu dieser Person werden wirst. Wenn ein Bettler dich um Almosen bittet und du ihm dein tiefstes Mitgefühl zeigst und ihm Geld oder etwas zu Essen gibst, heißt das nicht, dass du selbst ein Bettler werden wirst. Genauso kannst du, wenn du einen Hund hast, dem Hund deine Liebe zeigen, weil er dir äußerst treu ergeben ist und so weiter. Aber das bedeutet nicht, dass du zu einem Hund werden wirst, nur weil du die Eigenschaften des Hundes, den du liebst, bewunderst. Die guten Eigenschaften des Hundes, seine Treue und Ergebenheit kannst du in deiner menschlichen Existenz haben, ohne ein Tierleben anzunehmen. Du wirst nicht zu einem Tier werden, nur weil du an einem Tier hängst. Dieses Stadium hast du bereits hinter dir gelassen. Aber du kannst die guten Eigenschaften des Tieres erhalten.

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