
Gott
Für Sri Chinmoy stellt sich die Frage nicht, ob es Gott gibt. Eher die Frage: Wer oder was ist Gott? Welche Beziehung besteht zwischen Gott und dem Menschen? Ist Gott männlich oder weiblich? Wie kann man Gott sehen? Was ist der Unterschied zwischen Gott schauen und Gott verwirklichen? Warum braucht Gott den Menschen?
Fragen
- Was ist Gott und wie ist das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen?
- Meinst du, dass Gott und der Mensch ein und dasselbe sind?
- Ist Gott für dich Vater oder Mutter?
- Warum sprichst du von Gott immer in männlicher Form?
- Warum kannst du Gott sehen und ich nicht?
- Spricht Gott jemals zu dir?
- Braucht Gott den Menschen?
- Aber wir sind nicht verwirklicht – brauchen wir deshalb Gott nicht mehr als Gott uns braucht?
- Was sollte ich tun, um mich daran zu erinnern, dass ich Gott genauso sehr brauche wie Er mich braucht?
- Auf welche Weise kann man Gott zufrieden stellen?
- Ist es möglich, Gott weh zu tun?
- Was ist der Unterschied zwischen Gott sehen und Gott verwirklichen?
- Welcher Art ist deine Beziehung zum Supreme?
- Es gibt verschiedene Wege, sich Gott zu nähern. Wenn jemand drei unterschiedliche Qualitäten besitzt, wird das seinen Fortschritt behindern?
- Wie kann man Gott in diesem Leben erreichen?
- In welcher Form erscheint dir der Supreme?
- Wenn du davon sprichst, dass du Gott von Angesicht zu Angesicht siehst, wie ist dann deine Vorstellung von Gott?
Was ist Gott und wie ist das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen?
Sri Chinmoy:
Gott und der Mensch – das ist die ewige Frage und die ewige Antwort. Gott ist der lebendige Atem, und dieser lebendige Atem ist im Menschen. Der Mensch hat ein Ziel, und der Name dieses Zieles ist Gott. In Gott liegt die Zufriedenheit des Menschen, seine Errungenschaft und Erfüllung. Durch den Menschen erhält Gott Zufriedenheit, Errungenschaft und Erfüllung. Der Mensch braucht Gott, um sein wahres Selbst zu verwirklichen. Gott braucht den Menschen, um Sich Selbst auf Erden zu manifestieren.
Meinst du, dass Gott und der Mensch ein und dasselbe sind?
Sri Chinmoy:
Ja. Gott und der Mensch sind ein und dasselbe. Gott ist der Mensch, der in Seiner Unendlichkeit erst noch erfüllt werden muss, und der Mensch ist Gott, aber er muss dies erst noch verwirklichen.
Ich muss wachsen und Gott muss fließen. Ich wachse als ein menschliches Wesen in Sein höchstes Bewusstsein hinein, und Gott fließt in mich und durch mich mit Seinem unendlichen Mitleid.
Ist Gott für dich Vater oder Mutter?
Sri Chinmoy:
Gott ist sowohl mein Vater als auch meine Mutter. Ich meditiere auf meinen Vater-Gott für meine Erleuchtung und Vollendung. Ich bete zu meinem Mutter-Gott für Ihr Mitleid und Ihre Zuneigung. Wenn ich das Lied des Unendlichen im Herzen des Endlichen hören will, gehe ich zu meinem Vater-Gott. Wenn ich das Lied des Endlichen in der Seele des Unendlichen hören will, gehe ich zu meinem Mutter-Gott.
Die strömenden Tränen meines Herzens erreichen meinen Mutter-Gott im Nu. Die strahlende Freude meiner Seele erreicht meinen Vater-Gott augenblicklich. Mein Mutter-Gott erzählt stolz der ganzen Welt, wer ich bin: Gottes auserwähltes Instrument. Mein Vater-Gott erzählt lächelnd der ganzen Welt, was mein letztendliches Ziel ist: Mein letztendliches Ziel ist es, sowohl meinem Vater-Gott als auch meinem Mutter-Gott bedingungslos zu dienen, während sie den Menschen von heute in den Gott von morgen verwandeln.
Warum sprichst du von Gott immer in männlicher Form?
Sri Chinmoy:
Wenn ich „Vater“ sage, schließe ich nicht die „Mutter“ aus. Gott ist sowohl männlich als auch weiblich. Allerdings ist der Ausdruck „Vater“ hier im Westen gebräuchlicher, weil Christus immer vom „Vater“ sprach. Deshalb gebrauche ich den Ausdruck „Vater“, weil er euch vertrauter ist. Im Osten wenden wir uns sehr oft an den weiblichen Aspekt. Wir denken an die Erhabene Göttin, die Göttliche Mutter. Wir haben so viele Göttinnen: Mahakali, Mahalakshmi, Mahasaraswati und Maheshwari, daher fällt es uns sehr leicht, an Gott in femininer Form zu denken. Aber wenn ich mit euch zusammen bin, muss ich einen Ausdruck verwenden, der euch vertraut ist, weil ich fühle, dass es euch dann leichter fällt, meine Erfahrungen zu teilen. In Wahrheit ist Gott sowohl männlich als auch weiblich. Andererseits ist Gott weder männlich noch weiblich; Er überschreitet beides. Er ist, was Er ewig ist: Seine Schau und Seine Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit transzendiert sowohl die männliche als auch die weibliche Form und gleichzeitig verkörpert sie das Männliche und das Weibliche.
Warum kannst du Gott sehen und ich nicht?
Sri Chinmoy:
Jetzt siehst du mich mit offenen Augen an. Du weißt, dass mein Name Sri Chinmoy ist, und du kannst mich sehen. Jetzt (er legt seine Hände über ihre Augen) habe ich deine Augen zugedeckt. Kannst du mich sehen? Nein, du kannst mich nicht sehen. Wenn deine Augen geschlossen sind, kannst du niemanden vor dir oder neben dir sehen. Aber wenn du deine Augen offen hast, kannst du mich sehen, kannst du deinen Vater sehen, deine Freunde und jedermann.
Du weißt, dass du zwei Augen hast. Mit diesen zwei Augen kannst du mich sehen, aber wenn du sie schließt, kannst du mich wiederum nicht sehen. Nun hast du aber auch noch ein anderes Auge, und dieses Auge liegt zwischen deinen Augenbrauen. Es ist ein inneres Auge, dein drittes Auge. Bei mir ist dieses Auge geöffnet. Daher kann ich Gott sehen. Auch alles im Inneren der Menschen kann ich damit sehen. Dieses Auge liegt hier zwischen meinen Augenbrauen, und mit ihm kann ich sehen. Was dich betrifft, so kannst du nichts sehen, wenn deine beiden Augen geschlossen sind, und genauso wenig kannst du Gott sehen, weil dein drittes Auge geschlossen ist.
Wenn du jeden Tag zu Gott betest, wirst du sehen, dass sich dieses innere Auge auf einmal öffnet. Steh früh am Morgen auf und öffne deine beiden gewöhnlichen Augen und betrachte deine Mutter und deinen Vater und alles, was in deinem Zimmer ist, und dann bete zu Gott. Eines Tages wirst du sehen, dass sich dank deiner Gebete dein drittes Auge geöffnet hat. Auch du wirst fähig sein, Gott zu sehen. Bete also täglich zu Gott, dieses dritte Auge zu öffnen. Lege deinen Finger auf dieses Auge und bete: „O Gott, bitte öffne es.“ Eines Tages wird Gott es öffnen und du wirst Ihn sehen, genauso wie du mich jetzt siehst.
Spricht Gott jemals zu dir?
Sri Chinmoy:
Jeden Tag in den frühen Morgenstunden sagt mein Mutter-Gott zu mir: „Wie geht es dir, mein Kind?“ und mein Vater-Gott fragt: „Was hast du heute vor, mein Sohn?“ Spät in der Nacht, wenn ich mich zur Ruhe begeben will, sagt mein Mutter-Gott zu mir: „Träume süß, mein Kind, träume süß.“ Und mein Vater-Gott sagt zu mir: „Mein Sohn, träume nicht davon, der rauen Wirklichkeit zu entfliehen. Kämpfe tapfer gegen die Unwissenheits-Nacht. Sei siegreich! Deine Mutter und Ich stehen hinter dir.“
Eine liebevolles Gespräch in meinem Herzensgarten: Ich sage zu meinem Mutter-Gott: „Mutter, Du vergibst mir fast augenblicklich, wenn ich etwas falsch mache. Wie kommst es, dass Vater mich erleuchtet, wenn ich etwas falsch mache, anstatt mir zu vergeben? Und dass Er es so langsam tut, wenn auch stetig und unbeirrbar. Warum, warum?“
Mein Mutter-Gott antwortet mir: „Mein Kind, dein Vater ist derjenige, der diese Frage beantworten kann.“
Mein Vater-Gott sagt zu mir: „Mein Kind, die rasche Vergebung deiner Mutter verwandelt nicht unbedingt deine Natur, aber Meine Erleuchtung kann deine Natur verwandeln und tut es auch. Ja, das tut sie immer.“
Mein Mutter-Gott sagt zu meinem Vater-Gott: „Aber wenn Ich nicht zuerst Meinem Kind vergebe, wie in aller Welt willst Du es dann erleuchten?“
Mein Vater-Gott sagt lächelnd mit einem tiefen Seufzer: „Ja natürlich! Ich stimme Dir hilflos zu.“
Braucht Gott den Menschen?
Sri Chinmoy:
Auf jeden Fall braucht Gott den Menschen. Gott ist sowohl der Schöpfer als auch die Schöpfung. Der Mensch ist nichts anderes als die Schöpfung. Gott braucht den Menschen, um Sein Licht auf Erden zu manifestieren, und der Mensch braucht Gott, um seine eigene höchste Höhe zu verwirklichen. Daher brauchen Gott der Schöpfer und Gott die Schöpfung zweifellos einander.
Aber wir sind nicht verwirklicht – brauchen wir deshalb Gott nicht mehr als Gott uns braucht?
Sri Chinmoy:
Wir haben das Gefühl, dass wir Gott mehr brauchen als Gott uns braucht, weil wir nicht verwirklicht sind. Doch das ist falsch. Gott braucht uns ebenso sehr, wenn nicht noch mehr. Warum? Er kennt unser Potenzial, unsere Möglichkeiten unendlich viel besser als wir. Wir glauben, dass wir nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen können, aber Er weiß, dass wir Millionen von Meilen weit gehen können. Unsere Unwissenheit erlaubt uns nicht zu erkennen, was wir wirklich sind. Wir halten uns für nutzlos, hoffnungslos und hilflos, aber in Gottes Augen sind wir tatsächlich Seine göttlichen Instrumente. Er möchte uns auf unendlich viele Weisen einsetzen. Das ist Sein Traum: Er möchte, dass wir nicht nur unendlich, sondern auch ewig und unsterblich sind. Er weiß, dass wir die Fähigkeit dazu haben, weil Er uns die Fähigkeit dazu gab. Jetzt will Er, dass wir unsere Fähigkeiten nutzen.
Was sollte ich tun, um mich daran zu erinnern, dass ich Gott genauso sehr brauche wie Er mich braucht?
Sri Chinmoy:
Sage immer: „Ich brauche Gott, damit ich mein Höchstes verwirklichen kann, und Gott braucht mich, damit Er Sich in mir und durch mich manifestieren kann.“ Das ist Gottes eigene erhabene Philosophie. Fühle immer dies: „Wegen meiner Unwissenheit weiß ich nicht, wie ich Ihn verwirklichen oder erfüllen kann, doch aufgrund Seines Wissens kennt Gott die unendlichen Möglichkeiten, wie Er mich für Seine Manifestation einsetzen kann.“
Auf welche Weise kann man Gott zufrieden stellen?
Sri Chinmoy:
Wie man Gott zufrieden stellen kann? Ich kann Gott zufrieden stellen, indem ich Ihm anerbiete, was ich habe und was ich bin. Was ich habe, ist Dankbarkeit. Was ich bin, ist Inspiration. Wenn ich Ihn noch mehr zufrieden stellen will, dann darf ich mein Leben niemals als traurigen Fehlschlag betrachten, sondern als eine andauernde Erfahrung von Ihm. Wenn ich Ihn zutiefst zufrieden stellen will, nicht nur in einem, sondern in allen Aspekten meines Lebens, dann muss ich fühlen, dass Er, im Gegensatz zu mir, mein inneres und äußeres Leben als das Lied Seines eigenen Lebensatems, als das Lied Seiner eigenen Vervollkommnung betrachtet, die in Seine absolute, vollkommene Vollkommenheit wächst.
Ist es möglich, Gott weh zu tun?
Sri Chinmoy:
Weißt du, wann du Gott weh tust? Du tust Gott in dem Moment weh, wo du deine innere Fähigkeit unterschätzt. Du tust Gott in dem Moment weh, wo du deine selbst auferlegte äußere Verantwortung übertreibst. Du tust Ihm zutiefst weh, wenn du die sinnlose Vorstellung hegst, dass Gottverwirklichung nicht für dich gemeint ist. Denn eines ist sicher: Gottverwirklichung ist die mächtigste Versicherung, die großartigste Gewissheit zu Gottes auserwählter Stunde.
Was ist der Unterschied zwischen Gott sehen und Gott verwirklichen?
Sri Chinmoy:
Es besteht ein großer Unterschied zwischen Gott sehen und Gott erkennen oder verwirklichen. Wenn wir Gott sehen, können wir Ihn als ein Individuum oder als einen Gegenstand oder als etwas anderes sehen. Aber wir verkörpern Ihn nicht bewusst und dauerhaft und empfinden Ihn nicht bewusst als unser eigen. Wenn wir Gott sehen, ist es wie einen Baum zu sehen. In diesem Moment verkörpern wir nicht bewusst das Baumbewusstsein. Und da wir es nicht verkörpern, können wir es nicht enthüllen oder manifestieren. Aber in dem Moment, wo wir etwas verwirklichen, wird es ein Teil unseres Lebens. Wir sehen vielleicht eine Blume, aber erst wenn wir die Blume verwirklichen, werden wir tatsächlich eins mit dem Bewusstsein der Blume.
Wenn wir etwas nur anschauen, können wir es nicht als unser eigen betrachten, und auch der jeweilige Gegenstand wird uns nicht als sein eigen betrachten. Sehen spielt sich auf der physischen Ebene ab, während Verwirklichung auf der inneren Ebene stattfindet. Sehen dauert nicht an, während Verwirklichung bei uns bleibt. Wenn wir etwas sehen, hält diese Schau vielleicht eine Weile an, aber wenn wir etwas verwirklichen, bleibt diese Verwirklichung für immer.
Welcher Art ist deine Beziehung zum Supreme?
Sri Chinmoy:
Unsere Beziehung ist die von Vater und Sohn. Aus Seinem unendlichen Mitleid heraus hat Er in mir die Flammen inneren Strebens entzündet. Diese Flammen erheben sich hoch, höher, zum Höchsten. Mein Streben trägt bedingungslose Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe in sich.
Im menschlichen Leben ruft Vertrautheit Verachtung hervor, doch im spirituellen Leben nimmt die Vertrautheit zwischen dem Sucher und dem höchsten Führer nur an Intensität und Stärke zu. Vertrautheit kann die Süße, die Liebe und die Anteilnahme, die zwischen dem Sucher und dem Supreme fließen, nicht verringern. Im Gegenteil, Vertrautheit verstärkt diese Eigenschaften nur noch. Wenn ich dem persönlichen Aspekt des Supreme begegne, verstärkt Er meine Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe. Er macht mir bewusst, was Er ewig ist. Je vertrauter wir mit Ihm werden, desto mehr festigen wir unser Einssein, unser ewig erfüllendes Einssein mit Ihm.
Für den wahren Sucher kann der persönliche Aspekt keine Probleme bereiten. Wenn sich zwei Menschen näher kommen, hat dies oft keinen Bestand, weil sie die Schwächen im anderen sehen. Aber der persönliche Aspekt des Supreme weiß, wer wir sind. Er betrachtet uns nicht als unvollkommen; wir sind für Ihn Seine eigene unendliche Ausdehnung. Er hat an uns nichts auszusetzen, weder auf der physischen noch auf der psychischen Ebene. Er ist es, der uns zur sich ewig transzendierenden Vollkommenheit trägt.
Es gibt verschiedene Wege, sich Gott zu nähern. Wenn jemand drei unterschiedliche Qualitäten besitzt, wird das seinen Fortschritt behindern?
Sri Chinmoy:
Anstatt zu behindern, hilft es vielmehr. Du solltest jedoch dem Weg, der dein Wesen am meisten inspiriert, mehr Bedeutung beimessen.
Zum Beispiel: die Haltung des Dienens, die Haltung der Ergebenheit und die Haltung des Wissensdurstes werden dir gemeinsam helfen, einen ausgewogenen Fortschritt zu machen. Aber an einem Punkt in deinem Leben musst du herausfinden, was dich am meisten inspiriert. Jede Seele hat ihre eigene Art, sich vorwärts zu bewegen. Hier auf der Erde werden wir entsprechend der Neigung unserer Seele inspiriert, Fortschritt zu machen. Wenn du alle Wege akzeptierst, ist dies eine große Hilfe. Gleichzeitig musst du aber den Weg deiner eigenen Seele wählen, den Weg, der dir die größte Erfüllung im Einklang mit deinem tiefsten Streben schenkt.
Wie kann man Gott in diesem Leben erreichen?
Sri Chinmoy:
Lass uns anstelle des Wortes „erreichen“ das Wort „verwirklichen“ gebrauchen. Wenn wir den Ausdruck „erreichen“ gebrauchen, fühlen wir, dass wir zu einem bestimmten Ort gelangen müssen. Jetzt sitzt du dort drüben, und wenn du mich erreichen willst, musst du entweder zu mir gehen oder springen oder fliegen. Wenn wir jedoch den Ausdruck „verwirklichen“ gebrauchen, gibt es diese Trennung nicht. Wo ist Gott? Gott ist tief in uns. Aber Gottverwirklichung in einem Leben, in einer kurzen Lebensspanne, durch eigene Anstrengung ist so gut wie unmöglich. Wenn der Sucher jedoch neben seiner persönlichen Bemühung absolutes inneres Streben und zielgerichtete Hingabe besitzt, wenn er den Segen, die Gnade und Anteilnahme eines sehr großen spirituellen Meisters hat, der für seine Schüler Gott verkörpert, und wenn er diesbezüglich durch seinen Meister bestätigt wurde, dann kann er in einem Leben Gott verwirklichen.
Wenn jemand keinen völlig verwirklichten Meister oder Guru hat, sein inneres Streben aber höchst intensiv ist, dann regnet Gottes Gnade auf ihn herab und Gott selbst spielt die Rolle eines menschlichen Lehrers, das heißt, eines spirituellen Meisters. Wenn Gott sieht, dass der betreffende Sucher absolut aufrichtig ist und er die Selbstverwirklichung in diesem Leben verdient, dann spielt Gott, wie gesagt, die Rolle eines menschlichen Gurus. Ansonsten ist es ein spiritueller Meister, der zum Führer wird und dich über den Ozean der Unwissenheit zum Licht, zur Weisheit, zum Frieden, zur Glückseligkeit und Fülle trägt.
Du hast einen Guru erhalten, daher ist dein Problem gelöst, und deine Strebsamkeit ist äußerst intensiv. Ich sage dies aus der Tiefe meines Herzens, dass dich dieser Guru niemals enttäuschen wird. Du wirst immer in den tiefsten Winkeln seines Herzens sein. Er wird dich tragen, dich zum goldenen Ufer des Jenseits tragen.
In welcher Form erscheint dir der Supreme?
Sri Chinmoy:
Gewöhnlich sehe ich den Supreme in Gestalt eines goldenen Wesens, eines höchst erleuchteten und erleuchtenden Wesens. Wenn wir hier auf der Erde sagen, dass ein Kind außerordentlich schön sei, dann bewerten wir seine Gestalt. Aber ich möchte sagen, dass der Supreme unendlich viel schöner ist als jedes menschliche Kind, das wir kennen. So sehe ich den Supreme, wenn ich mich mit Ihm unterhalte. Es ist die Form, die ich am liebsten habe. Gleichzeitig kann mein Geliebter aber auch die formlose Form annehmen. Andere spirituelle Meister bevorzugen andere Formen, und der Supreme erscheint ihnen in der jeweiligen Gestalt. Auf diese Weise lässt Er uns Sein Mitleid ausnutzen.
Wenn du davon sprichst, dass du Gott von Angesicht zu Angesicht siehst, wie ist dann deine Vorstellung von Gott?
Sri Chinmoy:
Gott hat eine Form; Gott hat keine Form. Er hat Eigenschaften; Er hat keine Eigenschaften. Wenn ein Mensch Gott als unendliche Ausdehnung von Licht und Wonne sehen will, dann wird ihm Gott als unendliche Ausdehnung von Licht und Wonne erscheinen. Aber wenn er Gott als das glanzvollste, strahlendste Wesen sehen will, dann wird Gott in dieser Form zu ihm kommen. Natürlich untertreibe ich, wenn ich sage, dass Gott die Form eines strahlenden Wesens annimmt. Er ist nicht einfach nur strahlend. Er ist etwas, das ich dir nicht mit menschlichen Begriffen beschreiben kann.
Was mich betrifft, so habe ich Gott sowohl mit Form als auch ohne Form gesehen. Doch wenn ich von Gott spreche, spreche ich von Ihm als einem Wesen, weil diese Vorstellung für den menschlichen Verstand leichter zu erfassen ist. Wenn du sagst, dass etwas eine Form, eine Gestalt hat, dann spricht das den einzelnen Menschen an. Ansonsten bleibt Gott nur ein vager Begriff. Wenn ich sage, dass Gott Glückseligkeit ist, und wenn der Sucher noch keine Glückseligkeit erfahren hat, dann wird er hoffnungslos verwirrt sein. Aber wenn ich einem Sucher sage, dass Gott wie ein Mensch ist, wie ein allmächtiger Vater, der dieses sagen oder jenes tun kann, dann kann er es sich vorstellen und daran glauben.
Wenn ein Mensch an ein Wesen denkt, das größer ist als er selbst, dann denkt er sofort an etwas, dass einem Menschen ähnlich ist. Es ist viel leichter, sich Gott mit einer Form vorzustellen. Ich werde jedoch niemals sagen, dass diejenigen Unrecht haben, die Gott ohne Form, als eine unendliche Ausdehnung von Licht, Wonne, Energie oder Bewusstsein, sehen wollen. Ich fühle einfach, dass der andere Weg leichter ist.
