
Schüler-Meister-Beziehung
Die tiefste, fruchtbarste und dauerhafteste Beziehung zwischen zwei Menschen ist die zwischen Meister und Schüler. Sri Chinmoy beantwortet eine Vielzahl von Fragen zu diesem unerschöpflichen Thema: Was einen guten Schüler ausmacht, welche Haltung der Schüler haben sollte, welche Aufgabe der Meister hat.
Fragen
- Was muss ein Schüler tun, um das allermeiste von einem spirituellen Meister zu empfangen?
- Könntest du bitte veranschaulichen, wie ein neuer Schüler vom Meister mehr erhalten kann als ein alter Schüler?
- Wie kann ein Schüler seinen Meister am besten zufrieden stellen?
- Wie wichtig ist es, an seinen eigenen Guru zu glauben?
- Sollte man seinen Guru immer als das Höchste betrachten?
- Wie wird man zu einem festen Bestandteil des inneren Kreises des Meisters?
- Wie kann man einen erstklassigen Schüler erkennen?
- Wie wird man zu einem erstklassigen Schüler?
- Wie ist es, dein erstklassiger Schüler zu sein?
- Was ist besser – ein erstklassiger Schüler oder eine Million von Schülern anderer Klassen?
- Wie kann man immer ein erstklassiger Schüler bleiben?
- Willst du sagen, dass der Meister die Rolle einer Brücke zwischen der Seele des Schülers und dem Supreme spielt?
- Und wie fühlt es sich für einen Schüler an, ein Mitglied des inneren Kreises des Meisters zu sein?
- Wer sollte an erster Stelle stehen, der Schüler oder der Meister?
- Wie geht ein Meister mit einem törichten Schüler um?
- Wie wird man ein vollkommener Schüler?
- Wenn sich der Meister vom Erdbewusstsein zurückzieht, sollten dann seine Schüler anderen helfen?
- Erstreckt sich der Schutz des Meisters auch auf die Familie eines Schülers?
Was muss ein Schüler tun, um das allermeiste von einem spirituellen Meister zu empfangen?
Sri Chinmoy:
Manche Schüler glauben, wenn ihr spiritueller Meister einmal die Erde verlässt, müssten sie sehr streng mit sich werden, um spirituell bleiben zu können. Doch solange der spirituelle Meister physisch noch bei ihnen ist, haben sie das Gefühl, dass sie sich amüsieren können. Doch ich möchte dazu sagen, nein. Diese Schüler sind wie Kinder, die meinen, dass sie das Leben genießen können, während ihre Eltern auf der Erde sind, weil sie dann, wenn die Eltern gestorben sind, sehr ernsthaft werden müssen, um ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Einstellung ist falsch. Während der Meister auf der Erde ist, musst du dein Äußerstes geben. Wenn er in der anderen Welt ist, musst du auch dein Äußerstes geben.
Wenn man wirklich ein göttliches Instrument werden will, muss man zu jeder Zeit sehr, sehr hart arbeiten. Sonst kann es sein, dass manche Schüler mit dem Meister zwanzig Jahre zusammen sind und nichts erhalten, während andere, die später kommen, in einem Jahr oder an einem Tag Dinge erhalten, die die anderen, die länger beim Meister waren, niemals erhalten haben.
Könntest du bitte veranschaulichen, wie ein neuer Schüler vom Meister mehr erhalten kann als ein alter Schüler?
Sri Chinmoy:
Gerade erst heute las ich eine Geschichte über einen spirituellen Meister, der zwei Suchern riet, sich einen anderen Meister zu suchen. Doch der zweite Meister war unfreundlich und barsch und beschimpfte die beiden Sucher auf jede erdenkliche Weise, als sie zu ihm kamen. Dennoch wollten die beiden Sucher den Meister nicht verlassen. Schließlich sagte der Meister: „Gut, kommt morgen wieder. Dann werde ich mit euch sprechen.“ Die zwei Sucher kamen am nächsten Tag zurück, aber diesmal wollte der spirituelle Meister sich nicht einmal zeigen. Er schickte eine seiner Wachen, um den Suchern mitzuteilen, dass er sie nicht sehen wollte. Die Sucher sagten: „Erst gestern hat er uns beschimpft, beleidigt und uns versprochen, uns heute zu sehen. Bitte geh und sage es ihm.“ Die Wache sagte: „Dieser spirituelle Meister steht weit jenseits der Moral. Er muss seine Versprechen nicht halten.“ Aber die Sucher baten ihn inständig. Schließlich erhielten sie die Erlaubnis, den spirituellen Meister zu sehen. Als der Meister sah, dass dieselben Sucher mit größtem innerem Streben zurückgekehrt waren, stellte er ihnen einige Fragen und sagte ihnen etwas über ihr zukünftiges Leben. Dann baten sie um spirituellen Segen und spirituelle Liebe.
Der spirituelle Meister sagte: „Um spirituelle Liebe zu erhalten, braucht ihr nicht in meiner Nähe zu sein. Wenn ihr aufrichtig seid, werdet ihr sie erhalten, egal wo ihr seid. Wenn ihr nicht aufrichtig seid, werdet ihr wie dieser Bursche neben mir sein. In den letzten zwölf Jahren war ich nicht in der Lage, ihm irgendetwas zu geben. Aber es gibt hier jemanden, der auch mein Schüler ist. Er hat sehr, sehr viel von mir aufgenommen, obwohl ich ihn nur einmal vor vielen Jahren sah. Auch ihr beiden, die ihr zum ersten Mal hierher gekommen seid, habt viel von mir aufgenommen. Doch dieser Mann, der so viele Jahre mit mir zusammen war, hat nichts von mir aufgenommen.“
Wenn man nicht versucht, den Meister zufrieden zu stellen, während er auf der Erde ist, wie kann man dann erwarten, den Meister im Himmel zu erfreuen? Derjenige, der den Meister jetzt aufrichtig zufrieden stellt und erfreut, wird ihn auch im Himmel zufrieden stellen. Wenn der Schüler den Meister nicht hier und jetzt zufrieden stellt, wird der Meister kein Vertrauen haben, dass der Schüler ihn irgendwo anders zufrieden stellen wird. Den Meister zufrieden zu stellen ist immer notwendig, so wie das Atmen. Du atmest ein und aus, immer und überall. Wenn du weißt, wie du den Meister zufrieden stellst und erfreust, wenn er bei dir ist, dann wirst du es auch können, nachdem er den Körper verlassen hat.
Wie kann ein Schüler seinen Meister am besten zufrieden stellen?
Sri Chinmoy:
Ein Schüler kann seinen Meister am besten zufrieden stellen, wenn er nichts vom Meister erwartet. Er wird nur geben und geben und geben und sich selbst völlig und bedingungslos darbringen. Nur dann wird der Meister völlig zufrieden mit ihm sein. In diesem Moment wird ihm der Meister unendlich mehr geben als er verdient.
Das ergebene, geweihte Handeln des Schülers sollte von Anfang an absolut bedingungslos sein. Der Schüler fühlt, dass seine Zeit, seine Bemühung, seine Fähigkeiten und seine Widmung seine ganzen Schätze sind. Wenn er seine Schätze nun dem Meister gegeben hat, glaubt er, dass er mit vollem Recht erwarten kann, dass der Meister ihm Frieden, Licht und Glückseligkeit gibt, die die Schätze des Meisters sind. Aber im spirituellen Leben sollte es keinen Handel geben. Wenn der Schüler etwas von sich selbst gibt, erwartet er sofort etwas zurück, denn er lebt in der Welt des Gebens und Nehmens. Aber der Meister weiß, was das Beste für den Schüler ist und wann der beste Zeitpunkt ist, es ihm zu geben. Wenn der Meister etwas zur falschen Zeit gibt, dann wird er, statt das unerleuchtete Bewusstsein des Schülers zu erleuchten, nur sein inneres Gefäß zerbrechen. Die Kraft des Meisters wird den Schüler unweigerlich erleuchten, wenn der Schüler Empfänglichkeit besitzt. Wenn der Schüler aber keine Empfänglichkeit besitzt, wird die Kraft des Meisters nutzlos sein. Im Gegenteil, sie wird sogar schaden. Sehr oft, wenn ich jemanden berühre oder segne, erlebe ich soviel Widerstand oder Unwillen, das anzunehmen, was ich zu geben habe. Und was geschieht dann? Ich kann das Licht oder die Kraft von Oben in diese unnachgiebige Wand des Widerstands hineinzwingen, aber sie würde nur zerbrechen.
Wenn du daher den Meister auf vollkommene Weise erfreuen willst, sollte das Wort „Erwartung“ aus deinem Wortschatz verschwinden. Wenn du etwas erwartest, erwartest du nur auf deine eigene mentale Weise: „Ich tue dies für den Meister, deshalb wird der Meister etwas für mich tun, oder ich werde sein Liebling sein.“ Es gibt so viele Erwartungen. Aber jenseits der Erwartungen liegt die göttliche Wahrheit. Der Meister weiß, was er zu geben hat und wie er es zu geben hat. Aber der Schüler erwartet etwas vom Meister auf seine eigene Weise. Daher besteht ein Konflikt zwischen dem Meister und dem Schüler.
Wenn du fühlst, dass du den Meister erfreust, indem du ihm etwas gibst, dann stimmt das bis zu einem gewissen Grad. Aber du kannst den Meister wirklich zufrieden stellen, indem du nichts erwartest, nachdem du ihm etwas gegeben hast, denn dann wird der Meister in der Lage sein, im Schüler auf seine eigene Weise zu wirken. Der Meister wird fühlen: „Er hat mir seinen Schatz gegeben, aber er erwartet nichts von mir. Nun liegt es an mir zu entscheiden, was ich ihm gebe. Ich werde ihm also das Beste, das Allerbeste geben.“ Doch wenn jemand dem Meister etwas gibt und dann glaubt, der Meister werde ihn bevorzugen oder etwas Nettes über ihn sagen, dann hat er in der inneren Welt bereits um etwas gebettelt. Natürlich wird der Meister nun sein Bestes versuchen, ihm das Gewünschte zu geben. Aber wenn er die Wahl dem Meister überlassen hätte, wenn er dem Meister die Gelegenheit gegeben hätte, das zu geben, was der Meister wollte, dann hätte der Meister ihm grenzenlosen Frieden, Licht und Glückseligkeit geben können.
Die beste Weise, den Meister zufrieden zu stellen, ist zu geben, was du hast und was du bist, aber ohne dabei das Geringste zu erwarten. Auf diese Weise erhältst du vom Meister alles Göttliche in unendlichem Maße, und gleichzeitig kann dich der Supreme im Meister für Seine eigenen Zwecke gebrauchen.
Wie wichtig ist es, an seinen eigenen Guru zu glauben?
Sri Chinmoy:
Swami Satchidananda besaß eine Statue einer bestimmten Gottheit. Er bat seinen Schüler Nigamananda, diese zu verehren, aber Nigamananda beachtete die Statue nicht. Eines Tages sagte der Meister zu ihm: „Warum verehrst du die Statue nicht, die ich verehre? Wie kommt es, dass du nichts in meinem Geliebten Herrn siehst oder fühlst?“
Nigamananda erwiderte: „Du siehst vielleicht deinen Geliebten Herrn darin, aber ich sehe nur ein Stück lebloses Holz.“
Darüber wurde der Meister wütend. Er beschimpfte Nigamananda erbarmungslos und drohte ihm: „Wenn du noch einmal respektlos zu meinem Geliebten Herrn bist, werfe ich dich aus meinem Ashram. Sei vorsichtig!“ Dann verließ der Meister den Raum, um sich den Angelegenheiten des Ashrams zu widmen.
Nigamananda fühlte sich gedemütigt und war sehr aufgebracht. Sofort nahm er die Statue vom Schrein, gab ihr einen leichten Schlag und rief: „Du! Wegen dir habe ich von meinem Meister solche Schelte bekommen. Du verdienst meine Strafe!“ Dann stellte er die Statue wieder zurück auf den Schrein.
Einige Minuten später kam der Meister zurück und sagte zu ihm mit einem breiten Lächeln: „Du hast gesagt, dass mein Herr ein lebloses Stück Holz sei, aber schlägt man ein lebloses Etwas? Nur wenn man sieht, dass jemand oder etwas Leben hat, erhält man Befriedigung, indem man es schlägt. Man spricht nicht mit etwas Leblosem, denn etwas Lebloses kann nichts verstehen und nicht antworten. Nein, du siehst etwas in der Statue. Ich war so erfreut, als ich dich zu meinem Herrn sprechen hörte. Mein Herr ist nicht nur lebendig, sondern verkörpert das universelle und das transzendentale Leben. Bitte verehre von nun an diese Statue.“
Nigamananda verbeugte sich vor seinem Meister und sagte: „Bitte vergib mir. Ich werde diese Statue verehren, und in der Statue werde ich dich sehen und fühlen, Meister.“
Der Meister sagte: „Tu das, mein Sohn, das ist das absolut Richtige.“
Glauben ist von allergrößter Bedeutung. Man braucht unbegrenzten Glauben an seinen Meister. Für den menschlichen Verstand mag es manchmal schwierig sein, an die Methoden des Meisters zu glauben, aber das strebende Herz ist immer eins mit dem inneren und äußeren Wirken des Meisters. Der Sucher muss stets im Herzen bleiben. An seinen eigenen Meister zu glauben bedeutet, Gottes eigene Gegenwart hier, dort und überall zu fühlen. Es geht nicht darum, was das Objekt ist oder um welchen Menschen es sich handelt, sondern darum, ob man seinen Glauben an die spirituelle Verwirklichung des eigenen Meisters aufrecht erhalten kann oder nicht. Dann wird man auf überzeugende, leichte und schnelle Weise Erfolg in der äußeren Welt und Fortschritt in der inneren Welt erfahren.
Sollte man seinen Guru immer als das Höchste betrachten?
Sri Chinmoy:
Einmal besuchte Nigamananda die Kumbha Mela, Indiens berühmtestes religiöses Fest, an dem wahrhaft zahllose Menschen teilnehmen. Er war überglücklich, dort seinen Meister Swami Satchidananda zu sehen. Jede Mela wird von einem anderen Meister geleitet, und dieses Mal war es der große Meister Shankaracharya, Satchidanandas Guru, der die Mela leitete. Jedermann war voller Verehrung für Shankaracharya, der neben Satchidananda saß.
Als Nigamananda ankam, verbeugte er sich zuerst vor seinem Meister und dann verbeugte er sich vor Shankaracharya. Alle waren schockiert. Wie konnte er sich zuerst vor Satchidananda verbeugen, wenn doch Shankaracharya direkt neben ihm saß? Einige Leute sagten zu Nigamananda: „Du bist so ein Narr! Weißt du nicht zu unterscheiden?“
Nigamananda antwortete: „Ich weiß sehr wohl zu unterscheiden. Ich sage euch, niemand kann höher sein als der eigene Guru. Mein Guru ist der Höchste für mich und wird es immer bleiben. Deshalb tat ich das Richtige, als ich mich zuerst vor ihm verbeugte.“
Als er dies hörte, schenkte Shankaracharya Nigamananda ein breites Lächeln und sagte zu ihm: „Du hast Recht, mein Sohn, du hast Recht.“ Dann stellte er Nigamananda einige spirituelle Fragen, die Nigamananda vollkommen richtig beantwortete. Darauf sprach Shankaracharya zu Satchidananda: „Was tust du? Warum bittest du deinen Schüler nicht, eigene Schüler anzunehmen und zu helfen, die Menschheit zu erleuchten? Ich sehe deutlich, dass er bereit dafür ist.“
Daraufhin erklärte Satchidananda vor Shankaracharya und allen Suchern um sie herum: „Mein spiritueller Sohn Nigamananda hat Gott verwirklicht. Von nun an wird er Schüler annehmen und ihren Geist erleuchten und ihre Herzen erfüllen.“
Zu Beginn der Reise ist der Meister der Fährmann, das Boot und der Fluss. Am Ende der Reise wird der Meister selbst zum Ziel. Ein Anfänger-Sucher sieht den Meister als das Boot. Wenn er die Schranke des Verstandes überwindet, sieht er den Meister als den Fährmann. Wenn er sein ständiges Einssein mit dem Meister begründet, sieht er den Meister als den Fluss. Und wenn er zum vollkommensten Instrument des Meisters wird, sieht er den Meister selbst als das Ziel. Und wenn die Stunde für den Schüler schlägt, muss der Schüler auch die Rolle eines Meisters spielen, denn der Fortschritt in der Welt des Selbst-Gebens und des Gott-Werdens muss weitergehen.
Wie wird man zu einem festen Bestandteil des inneren Kreises des Meisters?
Sri Chinmoy:
Ich sage immer, dass ich Schüler erster Klasse, zweiter Klasse, dritter Klasse, vierter Klasse, fünfter Klasse, sechster Klasse und siebter Klasse habe. Aber egal zu welcher Klasse jemand gehört, er darf nicht versuchen, auf Biegen oder Brechen, durch Ziehen und Klammern mir näher zu kommen. Nur durch aufrichtige Ergebenheit und Widmung kann man seinem Meister nahe kommen. Jeder Einzelne muss wissen, wer in seinem Leben an erster Stelle steht: ob es der Meister ist oder ein Familienmitglied oder eine andere Person auf der Welt. Wenn der Meister in allem, in jeder Handlung, zuerst kommt, dann sage ich euch, dass dieser Schüler unweigerlich eine untrennbare Verbindung zum Meister aufbauen wird. Wenn ein Sucher sehr ergeben ist und seine bedingungslose Selbsthingabe nicht der Persönlichkeit und Individualität des Meisters, sondern seinem göttlichen Willen dargebracht hat, dann wird er zu einem festen Bestandteil des inneren Kreises des Meisters werden.
Wie kann man einen erstklassigen Schüler erkennen?
Sri Chinmoy:
Ein wirklich erstklassiger Schüler wird nie eine Entscheidung für sich selbst treffen. In dem Moment, wo jemand seine eigenen Entscheidungen trifft, entfernt er sich Millionen von Meilen vom Meister. Ob du ein Glas Wasser um fünf Uhr oder um sechs Uhr trinkst – diese Art von Entscheidung wirst du selber treffen. Das ist eine Entscheidung für den normalen Menschenverstand. Aber alles, was du in deinem Leben als wichtig empfindest, sollte nur mit der inneren Zustimmung des Meisters getan werden. Erstklassige Schüler treffen keine Entscheidungen alleine, ohne sich zuerst auf der inneren Ebene an den Meister gewandt zu haben. Sie fühlen, dass alles vom Meister kommen wird. Innerlich sagen sie dem Meister, was sie zu tun gedenken, und dann warten sie, ob es der Meister billigt oder nicht. Nach einer Weile wissen sie es dann.
Wie wird man zu einem erstklassigen Schüler?
Sri Chinmoy:
Durch Dienen, Dienen auf jede erdenkliche Weise. Wie dient man? Man dient durch inneres Streben. Und wie erhält man inneres Streben? Am Anfang musst du deine Vorstellungskraft bemühen. Vorstellungskraft ist nichts Schlechtes; im Gegenteil, sie ist etwas sehr Wichtiges für den Wissenschaftler, für den Dichter, für jeden. In jedem Lebensbereich musst du deine Vorstellungskraft bemühen. Dann erst kannst du etwas tun, kannst du etwas werden. Mit deiner Vorstellungskraft wirst du versuchen, das Licht des Supreme zu verbreiten, das Licht, das ich für dich herab bringe.
Wie ist es, dein erstklassiger Schüler zu sein?
Sri Chinmoy:
In der inneren Welt weiß ich, was ich für diejenigen bin, die meine erstklassigen Schüler sind, die völlig eins sind mit mir.
Wie ein Töpfer gestalte ich jeden Tag ihr inneres Leben. Ich nehme den göttlichen Ton und forme ihn einfach. Einige meiner Schüler haben diese Art von Verbindung zu mir. Ihr innerer Fortschritt, ihr Leben, alles wird nicht nur in dieser Inkarnation, sondern in allen zukünftigen Inkarnationen von mir abhängen: nicht von dem Menschen in mir, sondern vom Supreme in mir. Nicht dass ich sie beherrschen wollte oder dass ich mehr Fähigkeiten habe als sie! Nein, sie und der Supreme wollten von mir, dass ich diese Art von Einssein mit ihnen habe. Durch dieses Einssein wird der Meister manifestiert und der Schüler vervollkommnet.
Was ist besser – ein erstklassiger Schüler oder eine Million von Schülern anderer Klassen?
Sri Chinmoy:
Ein vollkommener Schüler ist unendlich viel wichtiger als Tausende und Abertausende von weniger guten Schülern. Das einzige ist, dass der vollkommene Schüler, den du einmal erhalten wirst, zwangsläufig aus diesen Tausenden hervorgehen muss. Er wird nicht fixfertig einfach so vom Himmel fallen. Es ist wie bei der Evolution. Wir kommen aus dem Tierreich; irgendwann einmal waren wir Affen, Esel, Pferde und dergleichen. Jetzt gibt es einen gewaltigen Unterschied. Wir haben zwar ungöttliche Eigenschaften, aber sie werden allmählich verwandelt. Wenn ein Mensch seine ungöttlichen Eigenschaften überwindet, wird er göttlich. Diese Verwandlung findet jedoch nicht von heute auf morgen statt.
Du hast schon viele, viele Tierinkarnationen und viele menschliche Leben gehabt. Das menschliche Leben ist zu einem gewissen Grad vollkommener als das tierische Leben. Aber das göttliche Leben, in das du hineinwächst, kommt langsam und stetig, es kommt nicht urplötzlich. Im Vergleich zu vorher sind wir göttlicher, aber wir müssen wissen, dass größere Vollkommenheit sich aus geringerer Vollkommenheit entwickelt. Die Vollkommenheit eines Tigers besteht darin, viele Tiere als Nahrung zu verschlingen. Aber Gottes Vollkommenheit besteht darin, Liebe, Mitleid und Anteilnahme zu zeigen.
Um auf deine Frage zurückzukommen: Ein absolut erstklassiger Schüler ist eine Seltenheit in Gottes Schöpfung. Aber spirituelle Meister haben unendliche Bewunderung, Mitleid, Liebe, Anteilnahme und Stolz für das, was ihre engsten Schüler getan haben. Aus einer Laune des Augenblicks heraus mögen sie jemandem sagen, er sei ein vollkommener Schüler, aber sie selbst wie auch die Schüler wissen in ihrem Herzen, ob sie wirklich vollkommene Instrumente sind.
Wie kann man immer ein erstklassiger Schüler bleiben?
Sri Chinmoy:
Wenn ein Schüler ein Leben beständiger und bewusster Selbsthingabe an den Meister führen kann, dann wird er ihm immer äußerst nahe stehen. Wenn seine Selbsthingabe beständig und bewusst ist, wenn er zu einem bewussten, beständigen und hingegebenen Instrument im Herzen seines Meisters oder zu Füßen seines Meisters wird, dann wird er immer ein erstklassiger Schüler bleiben. Ansonsten besteht die Möglichkeit, dass er fällt.
Willst du sagen, dass der Meister die Rolle einer Brücke zwischen der Seele des Schülers und dem Supreme spielt?
Sri Chinmoy:
In manchen Fällen spielt der Meister die Rolle einer Brücke zwischen der Seele eines Suchers und dem Supreme. Aber für die liebsten und engsten Schüler ist der Meister mehr als eine Brücke; er ist auch das Ziel. Der Supreme sagt diesen Seelen: „Trennt nicht den Meister von Mir.“
Für die liebsten und engsten Schüler muss der Meister die Rolle des Supreme Selbst spielen, weil der Meister zu dieser Zeit für die Verwirklichung, Vervollkommnung und Manifestation jener Seelen voll verantwortlich ist. Der Meister wird tatsächlich zum Inneren Führer für diejenigen Seelen, die seine sehr engen, sehr vertrauten, erstklassigen Schüler sind: für seinen inneren Kreis.
Und wie fühlt es sich für einen Schüler an, ein Mitglied des inneren Kreises des Meisters zu sein?
Sri Chinmoy:
Wenn der Schüler ein Mitglied des inneren Kreises des Meisters wird, dann sei versichert, dass er in jeder Handlung die Gegenwart des Meisters fühlen wird - selbst wenn er nur ein Glas Wasser trinkt oder zum Supermarkt geht, um etwas einzukaufen. Wenn du Wasser trinkst, wirst du die Existenz des Meisters im Wasser sehen, und während das Wasser in dich eintritt, wirst du fühlen, dass du die Existenz des Meisters bist. Und wenn du dann mit dem Verkäufer im Supermarkt sprichst, wirst du die Gegenwart des Meisters in ihm sehen, selbst wenn er sehr unhöflich ist. Er war nur noch nicht in der Lage, diese Göttlichkeit zum Vorschein zu bringen. Die äußere Erscheinung ist sehr grob und roh, aber in seiner inneren Existenz wirst du die Gegenwart deines Meisters spüren.
Wer sollte an erster Stelle stehen, der Schüler oder der Meister?
Sri Chinmoy:
Ramdas Kathiya Baba und sein Meister, Devadas Maharaj, waren beide starke Raucher und sie nahmen oft Arsen, um sich warm zu halten. Eines Abends bat Devadas seine Schüler, für zwei Rupien Arsen kaufen zu gehen, aber seine Schüler hatten kein Geld und zögerten auch ein wenig, um diese Zeit in die Stadt zu gehen. Ramdas bot sich an zu gehen, aber auch er hatte kein Geld. Der Meister sagte: „Mach dir keine Sorgen. Geh einfach in die Stadt. Dort wird jemand sein, der dir Geld geben wird.“
Ramdas glaubte seinem Meister und ging ohne Geld los. Als er die Stadt erreichte, war es schon ziemlich spät und alles war dunkel. Er sah nur in einem Haus Licht, also ging er dorthin und klopfte an die Tür. Als der Besitzer öffnete, war er so glücklich, einen Sadhu dort stehen zu sehen. Er sagte: „Den ganzen Tag habe ich daran gedacht, einem Sadhu zwei Rupien zu schenken, und jetzt bist zu gekommen. Ich bin dir so dankbar. Bitte nimm diese zwei Rupien.“
Ramdas nahm das Geld und kaufte für zwei Rupien Arsen. Auf seinem Rückweg zum Ashram dachte er, dass er sich eine sehr kleine Menge davon nehmen könne, da er ja so viel bekommen hatte und sein Meister es gar nicht bemerken würde.
Ramdas war so glücklich, das Arsen zu bringen und seinem Meister anzubieten, doch Devadas Maharaj machte ein trauriges Gesicht. Ramdas sagte: „Zu dieser Stunde bin ich den ganzen Weg in die Stadt gegangen und habe dir Arsen geholt. Wie kommt es, dass du traurig bist?“
Der Meister antwortete: „Ich bin traurig, weil du in deinem Leben an erster Stelle stehst und nicht ich. Du hättest mir die gesamte Menge geben sollen; dann hätte ich dir davon etwas gegeben. Denke immer zuerst an mich. Nur dann werde ich mit dir zufrieden sein, und ich werde dir nicht nur mehr geben als du brauchst, sondern auch mehr als du verdienst.“
Der Glauben des Meisters an den Schüler und der Glauben des Schülers an den Meister sind gleichermaßen wichtig. Manchmal jedoch enthüllt der Meister dem Schüler nicht alle Aspekte des Wirklichkeits-Baumes, weil es den unreifen Verstand des Schülers verwirren könnte. Wenn der Meister die Geschichte des Wirklichkeits-Lebens nicht auf einmal erzählt, bedeutet das nicht, dass er gemein oder engherzig ist. Der Meister fühlt nur, dass der Schüler wie ein Kind die Dinge Stück für Stück aufnehmen muss, damit er alles verarbeiten kann.
Was das Verhalten des Schülers gegenüber seinem Meister anbetrifft, so liegt die Geschichte etwas anders, denn egal was der Schüler hat oder was er ist, es wird den erleuchteten Verstand des Meisters nicht verwirren. Der Meister gibt dem Schüler entsprechend dessen begrenzter Empfänglichkeit und leicht messbarer Aufnahmefähigkeit; wenn jedoch der Schüler dem Meister etwas geben will, so kann er das uneingeschränkt tun, denn die Empfänglichkeit und Aufnahmefähigkeit des Meisters sind unermesslich. Wenn der Schüler dem Meister nicht sein ganzes Dasein gibt, ist nicht der Meister der Verlierer - bei weitem nicht. Der Schüler allerdings schwächt seine Aufnahmefähigkeit, begrenzt seine Schau des Meisters und fällt aus dem Wirklichkeits-Einssein mit dem Meister herab. Und schließlich bedrohen der Unsicherheits-Drache und das Undankbarkeits-Insekt das strebende Dasein des Schülers.
Gib daher dem Meister vorbehaltlos, was du hast und was du bist. Der Meister wird dir gemäß deinem Bedürfnis und Gottes Bedürfnis geben. Die Erfüllung deiner Bedürfnisse hängt ganz und gar von Gottes Willen ab.
Wie geht ein Meister mit einem törichten Schüler um?
Sri Chinmoy:
Egal wie unaufrichtig, wie dumm, wie töricht oder wie unerleuchtet ein Schüler sein mag, der Meister hat eine sehr hohe Meinung von ihm. Er sieht in jedem Schüler die lebendige Göttlichkeit des Supreme. Er sieht, er weiß und er fühlt, dass jeder Schüler eines Tages das vollkommene Ebenbild Gottes sein und Gott vollständig verwirklichen wird.
Wie wird man ein vollkommener Schüler?
Sri Chinmoy:
In unserem spirituellen Leben – sagen wir in der Meditation – stellen wir Gott zufrieden, aber in der Widmung unseres Handelns sind wir nirgendwo. Obwohl wir keine Hilfe verdienen, macht uns der Meister mit seiner Gnade vollkommen. Manchmal geschieht es, dass ein Schüler über einen bestimmten Punkt nicht hinausgehen kann. Dann gibt ihm der Meister die Fähigkeit dazu.
Bedingungslose Gnade macht den Schüler vollkommen. Bis er sein Ziel erreicht, wird der Schüler wieder und wieder auf dem Weg straucheln. Bis er vollkommen geworden ist, wird er das strebende Bewusstsein der Menschheit aufhalten. Aber wenn er vollkommen oder verwirklicht ist, wird der Schüler unweigerlich das strebende Bewusstsein der Menschheit erheben.
Wenn sich der Meister vom Erdbewusstsein zurückzieht, sollten dann seine Schüler anderen helfen?
Sri Chinmoy:
Wenn ein Schüler von seinem Meister Hilfe erhält, ist er nicht verpflichtet, anderen zu helfen. Die Beziehung zwischen einem Meister und einem Schüler beruht auf Gegenseitigkeit. Weil ich dir Mitleid gebe, gibst du mir deine Widmung. Wenn ich ein Lehrer in der äußeren Welt bin und du etwas von mir lernst, dann wirst du auch ein Lehrer. Wenn du das Alphabet gelernt hast, kannst du es lehren. Im spirituellen Leben jedoch ist es anders. Solange du kein solides Wissen hast, kannst du nicht lehren. Du wirst Hatha Yoga unterrichten können, aber wenn du echte Meditation lehren willst, ist das unmöglich, weil du nicht fähig sein wirst, das Bewusstsein der Sucher zu erheben.
Erstreckt sich der Schutz des Meisters auch auf die Familie eines Schülers?
Sri Chinmoy:
Ein Schüler von Ramdas Kathiya Baba musste für einige Tage geschäftlich die Stadt verlassen. Aus verschiedenen Gründen konnte er seine junge Frau nicht mitnehmen, obwohl sie schreckliche Angst hatte, nachts allein zu bleiben. Da sagte der Meister zum Ehemann: „Sag deiner Frau, dass sie sich nicht ängstigen soll. Ich werde auf sie aufpassen.“
In der gleichen Nacht träumte die junge Frau, dass ihr ganzes Zimmer von Licht überflutet war. Als sie aufwachte und die Augen öffnete, sah sie den Meister in einer Ecke stehen. Es war nicht der stoffliche Körper des Meisters, den sie sah, sondern sein leuchtender Subtilkörper, aber sie glaubte, es sei sein richtiger stofflicher Körper. Der Meister sagte zu ihr: „Mein Kind, bis dein Ehemann zurückkommt, fühle bitte immer, dass ich hier bin, um dich zu beschützen“, und der subtile Körper des Meisters mit seiner Leuchtkraft beschützte sie, bis ihr Mann zurückkehrte.
Menschliche Verantwortung ist so gestaltet, dass wir sie entweder verkleinern oder vergrößern können, zusammenziehen oder ausdehnen, verringern oder anwachsen lassen können. Im Fall eines spirituellen Meisters wächst nur seine Verantwortung in jedem Augenblick. Ein spiritueller Meister genießt das Wachsen seiner Verantwortlichkeit, denn seine Verantwortlichkeit ist nichts anderes als eine goldene Gelegenheit für ihn, mehr göttlichen Frieden, göttliches Licht und göttliche Glückseligkeit auf Erden zu manifestieren.
In diesem Fall zeigte Ramdas, dass ein spiritueller Meister sich nicht nur um die Schüler, die ihm lieb sind, kümmert, sondern auch um jene, die mit ihnen eng verbunden sind. Der Lehrer nimmt den Schüler nicht nur mit dem an, was er ist, sondern auch mit dem, was er hat.
